Blueprint- der Film Im besten Sinne augenfällig

Anmerkungen zur Verfilmung des Romans von Charlotte Kerner

Ein besonderes Gefühl ist es schon, seinen Romanfiguren leibhaftig zu begegnen und noch dazu überlebensgroß auf einer Filmleinwand: Iris, die geniale Pianistin, und ihre Tochter Siri, der Klon, schauen mich an. "Siehst du zwei oder vier Augen?" Plötzlich fühle ich mich in den Roman auf Seite 50 versetzt. Vor der Leinwand werde ich als Kinobesucherin zur Teilnehmerin am Ichdu-Spiel von Iris und Siri.

In der ersten Hälfte des Films sind die zwei Frauen nur einzeln zu sehen oder in Rückblicken noch keine erkennbaren Klon-Zwillinge: Iris als Schwangere, dann als Mutter mit Baby, Siri als Kind und als Teenager mit Iris musizierend – scheinbar doch eine ganz normale Mutter-Tochter-Beziehung, eine glückliche Kindheit.

Wenn Siri manchmal alles zu viel wird, schlägt sie im Roman ohnmächtig mit dem Kopf auf die Tasten oder kann nicht mehr sehen. Im Film dagegen blutet sie aus der Nase: rote Tropfen auf weißem Elfenbein in Großaufnahme. Sie lassen mich an die Blutstropfen zu Beginn des Märchens Schneewittchen denken: "Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz". Auch das ist die Geschichte eines Mädchen, das nicht leben sollte: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste ...?" In der Geschichte des Klons müsste es heißen: "Wer ist die Beste, die Einzige?"

Und dann diese Szene, in denen sich die beiden zum ersten Mal ebenbürtig sind: Die 19-jährige Siri betritt den Raum und setzt sich an den Konzertflügel, der dem Instrument von Iris gegenübersteht. Vor- und Abbild, getrennt durch drei Jahrzehnte, sind dank Maske und modernster Filmtechnik gemeinsam im Bild. Sie messen sich mit Blicken, die kranke Künstlerin tritt an gegen eine strahlend junge und vor Kraft strotzende Herausforderin. Dann kämpfen die beiden mit immer schnelleren Klavierläufen um Iris´ Freund Christian, der amüsiert und geschmeichelt, aber auch überfordert und hilflos – wie alle im Zuschauerraum – von einer zur anderen blickt.

Franka Potente spielt Iris und Siri, ein Mensch ist plötzlich wirklich gedoppelt, geklont. Obwohl ich doch den Roman und das Drehbuch genau kenne, zucke ich angesichts dieses "Produkts" zusammen, das so real wirkt. Sichtbar und fühlbar wird die Grenzüberschreitung, die Iris gewagt hat.

Diese "Kampfszene" gibt es genau so im Buch nicht (S. 92, 94), aber die Szene im Film transportiert dieselben Gefühle, die zunehmend die heranwachsende Siri beherrschen, als sie sich in Christian verliebt und sich ihres Klonseins immer bewusster wird: Nicht mehr Einklang (Überschrift Buchkapitel 1) herrscht zwischen Mutter und Tochter, sie spielen kein Duett mehr (Überschrift Kapitel 2), die Kindheit ist endgültig vorbei. Jetzt vergiften Zwietracht und Zweikampf (Überschriften Kapitel 4 und 5) ihr Zusammenleben. Dieses (Klavier-)Spiel hat nichts Tröstliches mehr, das Verlockende und Vermessene, aber auch das Zerstörerische des Klonens wird hier im besten Sinne des Wortes augenfällig und zwar fern aller Theorien oder intellektuellen Überlegungen.

Schon bald nach Erscheinen des Romans im Frühjahr 1999 fragte mich die Film-Produzentin Heike Wiehle-Timm, ob ich ihr die Filmrechte überlasse. Natürlich freute ich mich über die Anerkennung und war doch überrascht bis skeptisch. Ich hielt das Buch eher für unverfilmbar, obwohl es auch Szenen gab – etwa Siris Erzeugung oder das Ichdu-Spiel, den Sturz von der Treppe oder die misslungene Verführung von Christian bis hin zur Sterbeszene und der Beerdigung –, die fast eins zu eins filmisch umzusetzen waren. Aber wie konnten Siris schreibende Selbst-findung, ihre verzweifelte Suche nach Identität, diese in der Ich-Form verfasste Anklage, ihre innere Klon-Welt, sichtbar gemacht werden, ohne platt zu wirken? Und wer bitte sollte die Doppelrolle Iris-Siri schauspielerisch bewältigen?

Nach einigen Gesprächen gab ich den Roman zur Verfilmung frei, auch ohne schon genau zu wissen, wohin die Filmreise am Ende führen würde, denn in einem zentralen Punkt bestand Einigkeit. Und diese inhaltliche Übereinstimmung, die vier Jahre lang die Basis der Arbeit geblieben war, fasste die Produzentin am Ende der Dreharbeiten so zusammen: "Ein Klon ist vor allem ein Mensch. BLUEPRINT ist nicht die Geschichte eines Monstrums, sondern eines Menschen. Es war überfällig, einen seriösen Film zu diesem gesellschaftlich relevanten Stoff zu machen." 1)*

Um Iris´ und Siris Geschichte für den Film erzählbar und dazu auch optisch opulenter zu machen, schuf der Drehbuchautor Claus Cornelius Fischer eine neue Rahmenhandlung. Siri trennt sich von Iris und geht nach Kanada: "Ich habe zwei Jahre gebraucht – und einen ganzen Ozean zwischen uns –, um einigermaßen festen Boden unter die Füße zu kriegen."* Scheu und zurückgezogen lebt Siri dort wie die Waipitis, die sie fotografiert. Ein Albinohirsch ist wie der Klon – anders als alle anderen. Siri trifft auf Greg, der sich in sie verliebt und so ihre Erinnerungen auslöst. Am Ende gibt er ihr auch die Kraft, die sterbende Mutter wiederzusehen und in den Tod zu begleiten. Im Buch wie im Film überlebt Siri "meinen eigenen Tod". Im Roman wird sie danach der Mutter viel ähnlicher und macht als bildende Künstlerin Karriere, während sie im Film fähig wird zu lieben. Die zentrale Aussage jedoch bleibt dieselbe: Erst allein, wenn Siri kein Blueprint, keine Blaupause mehr ist, kann sie ein ganzer Mensch, ein Individuum, werden.

Im Buch klagt Siri ihre Mutter offen an; sie bezichtigt ihre Schöpferin der "Missbrut" (S. 103-105) und polemisiert gegen Iris, indem sie ihr diese Worte in den Mund legt: "Lasst mich einen Menschen machen ... Im Namen der Mutter, der Tochter und des heiligen Gen-Geistes". Im Film haben der Drehbuchautor und Regisseur Rolf Schübel dieses Grundthema beibehalten und "keinen klassischen Science-Fiction-Film" gedreht. "Im Mittelpunkt steht ein Mutter-Konflikt der ganz besonderen Art", erklärt Schübel, "und das Klonen wirkt dabei wie ein Katalysator."*

Diese noch nie dagewesene Mutter-Tochter-Beziehung birgt in der sehr privaten Geschichte große ethische Fragen. Zurzeit ist das Klonen von Menschen in Deutschland und der EU verboten, und drei Monate vor dem Filmstart, im Oktober 2003, diskutierte in New York der Rechtsausschuss der UN-Generalversammlung eine "internationale Konvention gegen das reproduktive Klonen menschlicher Wesen". Aber wie wird die Gesellschaft, wie werden wir reagieren, wenn sich jemand wie Professor Fisher trotzdem darüber hinwegsetzt? "Was gedacht werden kann, muss auch getan werden",** sagt der Mediziner im Film.

Im Roman ist das Klonen bereits akzeptierter Teil einer neuen Fortpflanzungs-freiheit geworden. Im Film dagegen ist die Zukunft näher an unser Heute gerückt: Fisher, der zunächst auf Bitten von Iris hin geschwiegen hat, kommt für seine Tat ins Gefängnis. Im Buch weiß Siri auch von Anfang an, dass sie geklont ist, auf der Leinwand dagegen bricht diese Erkenntnis erst über Siri herein, als sie bereits 13 Jahre alt ist: Eine Reportermeute lauert ihr vor der Schule auf und bedrängt sie so heftig, bis sie hilflos auf dem Boden kauert. Danach versinkt das Mädchen in einen psychischen Schockzustand. Kaum genesen treibt Iris die Tochter in das erste große gemeinsame Konzert: "Ich habe immer gewusst, dass du so stark bist wie ich. Du bist doch mein Leben".**

Sowohl die Reporter als auch die zahlreichen Konzertbesucher konfrontieren uns mit der eigenen (Neu)Gier auf den Klon. Bei ihrem ersten großen Klonauftritt ist Siri im Roman (S. 82-83) jünger und hilfloser und versucht mit einer knalligen Schleife am Kleid die Mutter zu provozieren, um auf sich als Person aufmerksam zu machen. Doch sie scheitert. Im Film dagegen gelingt Siri eine wohl überlegte gesellschaftliche Provokation. Mit versteinertem Gesicht lässt sie sich zunächst von ihrer Mutter mit Blicken durch das Klavierduett dirigieren und durch kleine Bewegungen des hochmütig gereckten Kinns lenken. Als sich Siri während des Schlussapplauses verbeugt, heftet sie einen weißen Stern an ihr Kleid, auf dem das Wort Klon prangt. Ein Bild, das sofort viele Assoziationen auslöst: Judenstern, Menschenversuche, Aussortieren. Auch an ein Atommodell erinnert der Stofffetzen.

Für mich illustriert gerade diese Filmsequenz subtil und beindruckend, warum Klonen gegen "die Menschenwürde" verstößt – übrigens die wesentliche Begründung für alle bestehenden und geplanten Klonverbote.

Stärker als der Roman lässt der Film der Figur Iris Raum, setzt ihre Geistes-haltung in Szene, beispielsweise, wenn sie Siri den Klonstern wütend herunterreißt und die Tochter ohrfeigt. Oder wenn sie eitel in ihrer knallroten Konzertrobe eine Treppe herunterschreitet und sich dabei in einer Spiegelwand gleich vielfach reproduziert. Beim mehrmaligen Anschauen entdeckte ich immer wieder neue "Bilder" von ihr. Als sie am Konzertflügel ihre Komposition "Für Siri" spielt, um sich über Siris Flucht nach Kanada hinwegzutrösten, spiegelt sie sich, wie in vielen Szenen zuvor auch die Tochter, in dem schwarz glänzenden Holz des Pianodeckels. Doch dann entfernt sich die Kamera so von der weinenden Iris, dass ihr Ebenbild "am Ende zerstört" wird, wie es der Kameramann Holly Fink selbst formuliert hat.

Einzelne Motive wirken allein auch ohne Musik, aber ein Film ohne Musik bleibt blutleer. Die Filmmusik in BLUERINT kommt zu einem Teil von den ganz Großen, den Klassikern: Beethoven, Mozart, Bach, Schumann, Debussy, interpretiert von Iris Sellin, der die Pianistin Susanne Kessel ihre Hände leiht. Aber dann ist da auch die von Detlef F. Petersen komponierte Filmmusik. Dazu gehört für mich besonders dieser eine Ton, der von Anfang an immer wieder Bilder kommentiert. Ist er ein Schöpfungssignal oder ein Warnton? Viel später erfahren wir, dass er aus Iris’ einziger Komposition "Für Siri" stammt, gespielt auf dem Gipfel der Übereinstimmung. Diese zelebrierte Liebe, diese Wahrheit, die lügt (Truth Lies heißt der wunderbare Titelsong), wird von Fishers Klon-Geständnis entlarvt.

Der Film BLUEPRINT erzählt Iris´ und Siris Geschichte, deshalb prägt ihn vielleicht noch stärker als sonst die Hauptdarstellerin Franka Potente. Als Schauspielerin habe sie die Herausforderung fasziniert, zwei Frauen unterschiedlichen Alters, also zwei Hauptrollen, gleichzeitig zu spielen. "Iris und Siri sind zwei Gegenpole", so ihre Sicht der Doppelrolle. "Sie sind fast untrennbar, wie ein Mensch mit zwei Köpfen, der in zwei Teile zerfällt, die nicht ohne einander leben können. Oder wie siamesische Zwillinge, die getrennt werden, und nur eine kann überleben."* Im Buch leitet eine übersteigerte Klon-Zirkus-Szene (S. 133 -136) genau diese Trennung der beiden ein: "Die siamesischen Zwillinge, Iris und Siri, die zweiköpfige Musikerin mit den vier Händen, treten ins Rampenlicht."

Während Franka Potente die Mutter mit einer distanzierten Kühle spielt und fast als Kunstfigur erschafft, wirkt Siri natürlicher oder – wie es die Schauspielerin selbst formuliert hat – "poröser". Siri kommt ihr spürbar näher, weil deren Klon-Schicksal sie an der "Story" besonders fasziniert hat: "Wie fühlt man sich, wenn man erfährt, dass man gar keine klassische Identität hat? Ich finde Geschichten und Filme immer spannend, wenn sie neue Fragen in meinem Leben aufwerfen. In diesem Falle nach Ethik und Moral. Das sind Fragen, die auch mich beschäftigen."*

Wie Franka Potente mit einem Gesicht und einem Körper den zwei Frauen im Film Gestalt gibt und mit ihrer Ausdrucksstärke den zwei "Seelen" in Iris und Siri gerecht wird, hat mich als Autorin der Romanvorlage tief berührt.

Inzwischen habe ich den Film mehrmals gesehen. Wort und Bild sind glücklicherweise keine Konkurrenten geworden sind. Der Roman und der Film sind zwei eigenständige Annäherungen an das gleiche Grundthema. Manchmal entsprechen sich Wort- und Filmbilder, in vielen Momenten ergänzen und in den besten Szenen verstärken sie sich, und manchmal bündeln mächtige, ganz neue Bilder auf der großen Leinwand Gedanken vieler Buchseiten.

An mehreren Stellen des Romans fragen sich die Leser (S. 105, 112, 130 und 161 f.): Welche der zwei Frauen wird am Ende siegen? Oder muss eine sterben? Im Film dagegen wird das nur einmal Thema, und zwar in der folgenden Szene, die für mich zu einem der stärksten Filmbilder gehört:

Nachdem Siri zu Janeck gezogen ist, besucht Iris die entflohene Tochter, um sie zurückzuholen. Gnadenlose Abrechnung am Küchentisch: "Familien-Klon-Treffen" noch genau wie im Buch (S. 128-131). Im Film dann bettelt Iris: "Verlass mich nicht. Ich habe doch nur dich." Und Siri entgegnet ihr: "Komisch, ich habe auch nur mich! Warum sollte ich bei dir bleiben? Ich will ja nicht mal bei mir bleiben!"** Nachdem Iris gegangen ist, stellt sich Siri vor den Badezimmerspiegel. Mit der linken Hand tastet sie nach dem Muttermal an ihrer rechte Schläfe, das auch Iris an derselben Stelle hat. Ein blinkendes Skalpell führt Siri gefährlich nah an ihrem Hals vorbei und immer höher hinauf bis kurz vor den Haaransatz. Und dann schneidet sie sich den dunklen Hautfleck heraus. Während das Blut herunterfließt, lächelt Siri schmerzverzerrt, aber auch triumphierend dem Spiegelbild zu. Der Klon, dieser gezeichneter Mensch, will heraus aus der anderen Haut, aber er kann sich nur dieses kleine Mal entfernen.

Als ich im Kino an dieser Stelle zum zweiten Mal zusammenzucke, weiß ich, dass sich das Wagnis gelohnt hat, aus dem Roman Blueprint-Blaupause den Film BLUEPRINT zu machen.

Charlotte Kerner

 

1) * gekennzeichnete Zitate stammen aus dem Presseheft zum Film
* * gekennzeichnete Zitate stammen aus dem Drehbuch
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