Charlotte Kerner Interview

Wie entsteht bei Ihnen die Idee zu einem Buch (z. B. zu „Blueprint“)? Im Kopf, im Bauch, durch Anregungen von außen?

Es ist immer alles zusammen. Bei „Blueprint“ war aber der wichtigste Anstoß, dass 1993 in den USA erstmals menschliche Retortenbabys zerschnitten und künstlich Zwillinge oder zeitgleiche Klone erzeugt wurden.

Wie lange und wie arbeiten Sie an Ihren Büchern?

Ganz allgemein: Mein Schnitt ist alle zwei Jahre ein Buch. Konkreter: Es gibt natürlich verschiedene Arbeitsphasen – Idee und Konzept, Recherchieren, Schreiben, Lektorieren.

Warum schreiben Sie Bücher über medizinethische Probleme gerade für Jugendliche?

Weil sie die Generation sind, die das erste Mal mit dem Segen und Fluch der Eingriffe in das Genom konfrontiert sein werden; die sich entscheiden müssen, Menschen zu „machen“. Um diese Möglichkeiten nutzen, ablehnen oder weiterentwickeln zu können, ist es wichtig, sie zu verstehen – auch in ihren psychologischen Folgen.

Warum haben Sie nach „Geboren 1999“ noch ein Buch mit einer ähnlichen Thematik geschrieben?

Es ist m. E. eine andere Thematik. Allgemein besteht die Ähnlichkeit in der Adoleszenzgeschichte und meinem Blick darauf, was ein „wissenschaftlicher Fortschritt“ im und mit Menschen anrichtet.

Welche Reaktionen erfahren Sie von Jugendlichen auf Ihre Bücher? Gibt es da Unterschiede zu denen von Erwachsenen?

Sehr positive! Das Interesse, sich damit auseinander zu setzen, ist groß. Unterschiede gibt es kaum. Die Erwachsenen denken aber oft, das interessiert Jugendliche nicht, es sei zu schwierig. Bei beiden Gruppen hat mich eine Reaktion anfangs überrascht: Manche meinten, mein Buch sei ein Pro-Klonen-Buch.

Ist Ihnen eine Auszeichnung Ihrer Bücher, z. B. mit dem Jugendliteraturpreis, wichtig? Warum?

Natürlich ja! Weil es eine Anerkennung – auch eine finanzielle – meiner Arbeit ist. Weil es das Buch noch bekannter macht, auch im Ausland. Weil es gegenüber dem Verlag mehr Freiheiten gibt zu schreiben, was man will.
Wir machen uns auch durch die Pränataldiagnostik Kinder nach unserem Bilde, indem wir die „Fehlerhaften“ aussortieren. Ist das nicht ein ähnliches Problem wie beim Klonen?
Das Klon ist das erste mögliche Designerbaby. Insofern ist hier – z. B. bei der PID – die Frage ähnlich zu stellen: Dürfen wir einen Menschen mit einer bestimmten genetischen Ausstattung „machen“ oder vernichten?

Reicht es, Probleme wie das Klonen nur auf der individuellen Ebene des Gewissens zu bearbeiten? Muss nicht auch die sozialpolitische Dimension immer präsent bleiben?

Ja, deshalb gibt es die gesellschaftliche Ebene, z. B. Verbote in der UN-Charta. Aber das alles enthebt den Einzelnen nicht von seiner Gewissensentscheidung.

Wie stehen Sie zu anderen Bereichen der „Klonforschung“ (Klonen von Tieren, therapeutisches Klonen)?

Sehr zwiespältig, besonders weil die Heilsversprechen, die damit einhergehen, total überzogen sind, aber dadurch das reproduktive Klonen vorbereitet wird. Mit dem therapeutischen Klonen habe ich nicht so viele Probleme, wenn z. B. Haut gezüchtet werden soll für Verbrennungsopfer. Da finde ich die jetzige Debatte eher einen Eiertanz. Entweder ja oder nein. Dieses „ja aber“, als nur mit überzähligen Embryonen, nur mit importieren Stammzellen zu forschen, wird sich nicht lange halten.

Einige Wissenschaftler kündigen an, Menschen klonen zu wollen. Glauben Sie, diese Entwicklungen sind, wenn sie technisch möglich sind, aufzuhalten, und wenn ja, wodurch?

Nein, das glaube ich nicht. Es gibt einen Markt dafür und es wird kommen. Trotzdem kann sich eine Gesellschaft fragen: „Soll ich es erlauben?“ Und ein Individuum muss sich fragen: „Will ich es?“

Warum haben Sie Ihre Quellen so genau aufgelistet, das ist doch für literarische Werke eher ungewöhnlich?

Das gibt es erstens öfter in Büchern, zweitens als Anregung zum Sich-weiter-Informieren.
Manche Leserinnen und Leser haben den Eindruck, es gehe in Ihrem Werk eigentlich um eine extrem schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, weniger um deren gentechnische Ursachen.

Nimmt das Buch das Klonen nicht nur zum Anlass, eine Mutter-Tochter-Beziehung zu beschreiben?

Das Klonen ist nicht der Anlass. Die Klonschaft gebiert eine noch nie da gewesene Mutter-Tochter-Beziehung, die verglichen mit „schwierigen“ Eltern-Kind-Beziehungen eine neue Qualität hat: Das Kind ist in einer noch nie da gewesenen Form „gemacht“, fremdbestimmt, unfrei – siehe auch das Nachwort im Buch, besonders die Argumente von Habermas.

Liegen die Probleme, die die Tochter bekommt, nicht eher an den psychischen Defiziten, die die Mutter hat und für sich nicht lösen konnte?

Die Probleme entstehen durch diese besondere Art der Beziehung.
Siri gelingt ja durchaus eine Ablösung von der Mutter und ein eigenes befriedigendes Leben.

Spricht das nicht dafür, Menschen durch Klonen die Chance zum Leben zu geben?

Das muss jeder Leser und jede Leserin entscheiden. Ich meine, dass es nicht für das Klonen spricht, sondern nur zeigt, dass auch ein Klon ein Individuum sein will und dass sich das, was eine Persönlichkeit ausmacht – eben ein Selbst, ein Ich – formt, gerade nicht klonen lässt. Zitat einer Schülerin: „Sie haben in Ihrem Buch gezeigt, dass sich eine Seele nicht klonen lässt.“

Das Buch soll verfilmt werden. Inwieweit sind Sie an dem Prozess beteiligt? Haben Sie irgendwelche Bedenken dabei?

Ich bin sehr beteiligt – ganz wichtig – bei der Entscheidung, wem ich die Rechte verkaufe. Hier stelle ich die Weichen, was für eine Art Film entsteht: platter Thriller oder psychologisches Drama. Danach war ich immer informiert über den Stand der Arbeit am Drehbuch. Ich konnte Anregungen, Kritik formulieren. Jetzt ist mit Rolf Schübel nicht nur ein sehr guter Regisseur gefunden, sondern Franka Potente wird auch noch die zentrale Doppelrolle Iris-Siri übernehmen. Bei diesem Dreamteam und dem guten Drehbuch freue ich mich ohne Einschränkung auf den Film, der voraussichtlich im Mai 2003 in die Kinos kommt.

 

Pränataldiagnostik: Untersuchung von Embryonen oder Föten im Mutterleib auf genetisch bedingte Krankheiten hin. Ein positiver Befund führt häufig zur Abtreibung.

PID = Präimplantationsdiagnostik: Nach einer mehrfachen künstlichen Befruchtung werden die befruchteten Eizellen auf Schädigungen und genetische „Fehler“ hin untersucht, damit anschließend ein „gesunder“ Embryo eingepflanzt werden kann (in Deutschland verboten).

 

Das Interview wurde am 17. 2. 2002 geführt und ist in der Reihe »Deutsch betrifft uns« erschienen. © Bergmoser & Höller

 

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