Charaktere Iris Sellin
Iris Sellin, die Mutter

Im Zentrum des Romans von Charlotte Kerner stehen Iris Sellin und ihre Tochter Siri. Die Mutter ist eine bekannte Pianistin und Komponistin. Als sie dreißig Jahre alt ist, wird ihr nach einer ärztlichen Untersuchung die schlimme Diagnose gestellt, dass sie an MS (Multipler Sklerose) leidet. MS ist eine nicht direkt vererbbare Nervenkrankheit, bei der die Nervenzellen verkalken und zugrunde gehen, so dass die Körperfunktionen und die Bewegungsfähigkeit zunehmend eingeschränkt werden, was schließlich zum frühzeitigen Tode führt. Durch diese Diagnose wird die Lebensplanung von Iris Sellin über den Haufen geworfen. Sie kann ihre angestrebten Ziele als Pianistin und Komponistin nicht mehr verwirklichen, denn sie muss davon ausgehen, dass die Krankheit in wenigen Jahren ihre Karriere beenden wird. In dieser Situation taucht bei ihr die Frage auf, wie sie ihre musikalischen Fähigkeiten auf irgendeine Art und Weise weitervererben kann.

Durch Zufall stößt sie auf einen Zeitungsartikel über Professor Dr. Mortimer G. Fisher aus Montreal, der im Rahmen seiner Forschungen den „lange gesuchten Entwicklungsschalter in den Genen entdeckt“ hat, den man nur „anschalten“ muss, um einen Menschen zu „klonen“, d.h. von ihm einen „künstlichen Zwilling“ zu schaffen, der mit dem Genspender völlig identisch ist. Iris Sellin lässt sich daraufhin von Prof. Fisher klonen und trägt eine gesunde Tochter aus, die eine genaue Kopie von ihr selbst ist, praktisch ein „eineiiger Zwilling“, der aber zeitversetzt geboren ist. Um diese „Zwillingsbeziehung“ auch im Namen zu verdeutlichen, gibt sie ihrer Tochter den Namen Siri, ihren eigenen Namen rückwärts gelesen.

Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist sehr eng, obwohl Iris ihre Karriere als Pianistin weiter verfolgt und daher oft nicht zu Hause ist. Für diese enge Beziehung zu ihrer Tochter findet sie zahlreiche Begriffe, die ihr Ausdruck verleihen sollen: „Mutter-Schwester“ (S. 40), „Duich“ oder Ichdu“ (S. 64), „Zwillingsschwester“ (S. 69), „Muzwi“ (Mutterzwilling, S. 71) usw.

Insgesamt wird deutlich, dass die Mutter Iris ihre Tochter Siri ganz stark vereinnahmt und eng an sich bindet in der Hoffnung, dass Siri ihr Ebenbild bleibt und sich die Zukunftsträume bezüglich ihrer Tochter verwirklichen lassen.

Als Siri dann ganz langsam beginnt, sich von ihrer Mutter zu lösen, um einen eigenen Lebensweg zu beschreiten, versucht die Mutter diese Entwicklung mit aller Macht zu unterbinden. Siris bunte Kleidung, die ihre Mutter nicht ausstehen kann, wird für Siri zur „Kriegsbemalung“ im Kampf gegen ihre Mutter. Ihr Scheitern beim Konzert führt dazu, dass die Mutter für sich noch einmal einen großen Auftritt inszeniert und damit ihre Tochter als Persönlichkeit abwertet, indem sie sich vom Publikum wegen ihres großartigen Klavierspiels feiern lässt und nicht begreifen kann und will, was in Siri vorgeht, warum sie gescheitert ist. Iris wird daher von ihrer Tochter verlassen, die in Hamburg ein neues Leben beginnen will. Damit sind die Pläne der Mutter gescheitert. Sie verfällt immer mehr in ihrer Krankheit. Als sie sich schließlich überwindet und einen letzten verzweifelten Versuch macht, ihre Tochter für sich zurückzugewinnen, und nach Hamburg fährt, muss sie erfahren, dass diese ihren eigenen Weg gefunden hat und sich gegen die Forderungen und Wünsche ihrer Mutter behauptet: „Ich höre nur noch auf mich.“ (S. 130)

Damit ist das Lebensschicksal von Iris Sellin besiegelt. Sie kehrt - seelisch gebrochen - nach Haus zurück und stirbt bald darauf.

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