Blueprint - das Buch Rezensionen

Süddeutsche Zeitung vom 24.3.1999
– Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse 1999 –

Schöne neue Welt
Ein menschlicher Klon erzählt

Die hoch begabte Pianistin und Komponistin Iris Sellin ist gerade dreißig Jahre alt, als sie erfährt, dass sie unheilbar an Multipler Sklerose erkrankt ist. Die Diagnose löst nur kurzzeitig einen Schock aus. Dann handelt Iris Sellin: Sie lässt sich klonen, um ihr Können weiterzugeben. Das medizinische Experiment glückt. Siri, Tochter und Zwillingsschwester zugleich, wird wie jeder normale »Einling« geboren, wächst unauffällig heran. Tatsächlich entfaltet Tochter Siri nicht nur dasselbe musikalische Talent wie der Mutter-Zwilling, »Muzwi« genannt, sondern wird ihrem Klon-Original mit den Jahren auch äußerlich absolut identisch. Entwirft Charlotte Kerner hier ein »Monster«, wie Oma Katharina, Mutter und Großmutter von Iris-Siri, das Ergebnis des medizinischen Experiments in hemmungsloser Wut nennt? Schon früh wirkt die alte Dame als Katalysator des beim Lesen anlaufenden Denkprozesses. Nein, hier entsteht kein Monster, sondern ein Mensch, denn: Innerlich gelingt die Doppelung nicht. Siri empfindet sich mehr und mehr als Iris-Kopie, als »Du«, nicht als »Ich«. Erst mit dem Tod des Muzwi wird die Suche nach der eigenen Identität möglich. Indem Siri den Bericht Blueprint – Blaupause schreibt, reflektiert sie, was da wirklich mit ihr passiert.

Charlotte Kerner lässt Siri nicht alles selbst notieren. Sprunghaft-unvermittelt wechselt der erzählerische Blickwinkel, schafft so gekonnt Parallelen zur Gefühlswelt von Iris-Siri, schaut mal von außen auf den reinen Handlungsablauf, schwenkt dann auf die psychologische Sicht der Dinge, flicht selbst erzählte Abschnitte ein und schafft auf diese Weise gekonnt Parallelen zu den Gefühlswelten von Iris-Siri. Hat man die anfängliche Irritation ob der launenhaft wirkenden Schreibweise einmal überwunden, begreift man schnell, wie ungemein präzise hier – anhand der Empfindungsmuzise der beiden nur scheinbar identischen Hauptakteurinnen – über die gesamte Problematik des Klonens nachgedacht wird. Lesend wächst man so perfekt in diese Doppelung hinein, dass am Ende tatsächlich nur die Frage nach der Individualität, oder besser: der Exklusivität jedes einzelnen Menschen, stehen kann.

Charlotte Kerner entwirft mit Blueprint nicht zum ersten Mal einen Science-Fiction-Roman. Auch Geboren 1999 entwickelte auf der Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse eine nur knapp in die Zukunft verschobene Vision. Blueprint zeigt ähnliche Methodik, das heißt: verzichtet auf das Ausformen eines eigentlichen Horror-Szenariums. Die beängstigende Wirkkraft resultiert aus den uns gegenwärtigen Fakten, wurzelt in der Jetzt-Zeit. Dass Charlotte Kerner nicht nur »das Mögliche weitergedacht hat«, wie sie im Nachwort zum Roman sagt, sondern das komplizierte Thema in ein faszinierendes Stück Literatur einbettet, ist für die Problematik als solche ein großes Glück: Auf diese Weise lässt man sich gern zum Überlegen anregen. (Ab 14 Jahre.)

Renate Grubert

 

Stuttgarter Zeitung vom 24.3.1999

Die geklonte Tochter
Charlotte Kerners Roman über genetische Planung

»Du hattest dir mit dieser Klon-Tochter einen gläsernen Menschen geschaffen: von Anfang an durchschaubar, erklärbar, rätselfrei. Nicht irgendein Leben hast du mir geschenkt, sondern dein Leben.« Charlotte Kerner beschäftigt sich mit der Vision des Klonens von Menschen, an dem nicht nur in Kellern und Garagen heute schon gebastelt wird. Die identische Reproduktion von Lebewesen, verbunden mit dem Gedanken an die eigene Unsterblichkeit, trägt einen alten mythischen Gehalt. Die Autorin erzählt aus der Perspektive der geschaffenen Klon-Tochter, eine bittere Abrechnung mit der Vermessenheit technischer Machbarkeit. Iris, Anfang dreißig, erfolgreiche und gefeierte Pianistin, erfährt von ihrer unheilbaren Erkrankung an MS. Unfähig, diese Diagnose zu akzeptieren, plant sie, sich selbst klonen zu lassen, eine identische Iris, die sie als Mutter austragen und erziehen würde. Der berühmte Reproduktionsmediziner ist bald gefunden, und Siri kommt zur Welt, nicht unterscheidbar von einem »Einling«, Tochter und Zwilling der Mutter gleichermaßen. Siri schreibt – als Überlebende – nach dem Tod der Mutter um ihr eigenes Leben, eine heftige Anklage und Einforderung der nie erlaubten, unverwechselbaren Identität. Was sie nur kennt, ist das Wir-Gefühl mit der Mutter, wie es eineiige Zwillinge verbindet, und den mütterlichen »Blick auf den Klon«. Gnadenlos wird sie von der Mutter in deren Überlebensprogramm eingebaut, der genetischen Planung folgt das perfekte Erziehungsprogramm. Siri soll auch Pianistin werden, erfolgreich wie die Mutter. »Du bist mein Leben«, ermuntert Iris ihr Ebenbild. Siris Weigerungen sind nur halbherzig, willig fügt sie sich dem mütterlichen Vorbild und verzichtet auf eine Kindheit. Heftige Zweifel befallen sie, ist sie eine »Missbrut«, ein Opfer, vergleichbar den Opfern von Missbrauch und Inzest? Ähnlich geschunden und gedemütigt fühlt sie sich. Der Plan der Mutter scheint aufzugehen, aber dennoch entstehen bei Iris mit dem Fortschritt ihrer Krankheit Fragen und nagende Gefühle, denn sie erlebt die Tochter auch als junge, attraktive Rivalin.

Einen radikalen Ausbruchsversuch aus der genetischen und erzieherischen Symbiose unternimmt Siri, als sie beim ersten öffentlichen Klavierauftritt kläglich scheitert, ihr Spiel ist ohne Seele und das Publikum verlangt nach der »echten« Iris. Siri zieht aus, verändert ihr Äußeres und rührt kein Klavier mehr an. Eine echte Trennung ist ihr aber erst nach dem Tod der Mutter möglich, sie ist nun endlich einmalig. Nach schweren Krisen datiert sie den Beginn ihrer Biographie mit dem Tod der Mutter und es gelingt ihr ein neuer Start ins eigene Leben. Charlotte Kerner befasst sich – wie auch in ihrer ersten Zukunftsgeschichte »Geboren 1999« – mit der Frage, welche Folgen wissenschaftlich-technische Erkenntnisse für den Menschen haben. Sie versteht ihr Buch als Streitschrift in einer Diskussion, die noch kaum begonnen hat. Für die Opfer nimmt sie Partei, die sich nicht wehren können, wenn sich der Blick der Wissenschaft auf die »biologische Selbstverwirklichung« richtet.

Beate Simon

 

Der Tagesspiegel vom 24.3.1999

Wenn aus Iris Siri wird
Charlotte Kerner wirft in ihrem Zukunftsroman Fragen zum Thema Identität und Klonen auf

»Du hattest dir mit dieser Klon-Tochter einen gläsernen Menschen geschaffen: von Anfang an durchschaubar, erklärbar, rätselfrei. Nicht irgendein Leben hattest du mir geschenkt, sondern dein Leben.« Charlotte Kerner beschäftigt sich mit der Vision des menschlichen Klonens, an der nicht nur in Kellern und Garagen heute schon gebastelt wird. Die identische Reproduktion von Lebewesen, verbunden mit dem Gedanken an die eigene Unsterblichkeit, trägt einen alten mythischen Gehalt.

Die Autorin erzählt aus der Perspektive der geschaffenen Klon-Tochter, eine bittere Abrechnung mit der Vermessenheit technischer Machbarkeit. Iris, Anfang dreißig, erfolgreiche und gefeierte Pianistin, erfährt von ihrer unheilbaren Erkrankung an MS. Unfähig, diese Diagnose zu akzeptieren, plant sie, sich selbst klonen zu lassen, eine identische Iris, die sie als Mutter austragen und erziehen würde. Der berühmte Reproduktionsmediziner ist bald gefunden und Siri kommt zur Welt, nicht unterscheidbar von einem »Einling«, Tochter und Zwilling der Mutter gleichermaßen. Siri schreibt – als Überlebende – nach dem Tod der Mutter um ihr eigenes Leben, eine heftige Anklage und Einforderung der nie erlaubten, unverwechselbaren Identität. Was sie nur kennt, ist das Wir-Gefühl mit der Mutter, wie es eineiige Zwillinge verbindet, und den mütterlichen »kühlen Blick auf den Klon«.

Gnadenlos wird sie von der Mutter in deren Überlebensprogramm eingebaut, der genetischen Planung folgt das perfekte Erziehungsprogramm. Siri soll auch Pianistin werden, erfolgreich wie die Mutter. »Du bist mein Leben«, ermuntert Iris ihr Ebenbild. Siris Weigerungen sind nur halbherzig, willig fügt sie sich dem mütterlichen Vorbild und verzichtet auf eine Kindheit. Heftige Zweifel befallen sie, ist sie eine »Missbrut«, ein Opfer, vergleichbar den Opfern von Missbrauch und Inzest? Ähnlich geschunden und gedemütigt fühlt sie sich. Der Plan der Mutter scheint aufzugehen, aber dennoch entstehen bei Iris mit dem Fortschritt ihrer Krankheit Fragen und nagende Gefühle, denn sie erlebt die Tochter auch als junge, attraktive Rivalin.

Einen radikalen Ausbruchsversuch aus der genetischen und erzieherischen Symbiose unternimmt Siri, als sie beim ersten öffentlichen Klavierauftritt kläglich scheitert, ihr Spiel ist ohne Seele und das Publikum verlangt nach der »echten« Iris. Siri zieht aus, verändert ihr Äußeres und rührt kein Klavier mehr an. Eine echte Trennung ist ihr aber erst nach dem Tod der Mutter möglich, sie ist nun endlich einmalig. Nach schweren Krisen datiert sie den Beginn ihrer Biographie mit dem Tod der Mutter und es gelingt ihr ein neuer Start ins eigene Leben.

Charlotte Kerner befasst sich – wie auch in ihrer ersten Zukunftsgeschichte »Geboren 1999« – mit der Frage, welche Folgen wissenschaftlich-technische Erkenntnisse für den Menschen haben. Sie versteht ihr Buch als Streitschrift in einer Diskussion, die noch kaum begonnen hat. Für die Opfer nimmt sie Partei, die sich nicht wehren können, wenn sich der Blick der Wissenschaft auf die »biologische Selbstverwirklichung« richtet.

Beate Simon

 

»Die Zeit« vom 15.7.1999

Ein Volltreffer
Die Geschichte eines geklonten Mädchens

Sie sind eine Tochter? Stellen Sie sich vor, Sie wären Ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten. Die hohe Stirn und das forsche, angriffslustige Kinn. Graublaue, streng blickende Augen, die Distanz schaffen. Lockige dunkle Haare, dazu schön geschwungene, eher schmale Lippen.

Doch die Ähnlichkeiten sind nicht nur äußerlich. Kritisch registrieren Sie auch die gleichen Charakterzüge: Ehrgeiz, gepaart mit Unsicherheit. Einen Hang zum Perfektionismus. Vielleicht Geiz oder eine pessimistische Grundhaltung, die Ihnen das Leben schwer macht. Sie sind wie sie. Gefällt Ihnen das?

Autorin Charlotte Kerner hat die Geschichte zu Ende gedacht. Denn im Jahr X nach der Jahrtausendwende ist das Duplizieren von Mäusen und Kühen mit einem neuen Verfahren kinderleicht geworden. Einen erwachsenen Menschen nochmals auferstehen lassen! Einer der Ersten zu sein, die es wagen! Schon oft hat der kanadische Genforscher Mortimer Fisher davon geträumt. Und nun sitzt eine weltberühmte deutsche Komponistin vor ihm und fordert: »Klonen Sie mich!«

Die Pianistin Iris Sellin, 30 Jahre alt, hat, natürlich, gute Gründe für ihren Wunsch. Sie leidet an Multipler Sklerose. Sich damit abzufinden liegt ihr nicht. Sie will die unheilbare Krankheit besiegen und ihr Talent der Nachwelt überliefern – in ihrer Klontochter, dem Kind nach Maß: schön, intelligent, musikalisch hoch begabt wie sie selbst. Ein Volltreffer, keine Niete.

Siri heißt dieser Klon. Sie ist der »Blueprint«, das getreue Abbild ihrer Mutter Iris. Im Rückblick schildert die inzwischen 22-Jährige die Geschichte ihrer Menschwerdung, und es ist eine ungewöhnliche, aber nicht unwahrscheinliche Geschichte, die uns Charlotte Kerner mit psychologischer Präzision bedrückend nahe bringt – ein Dasein auf der Zwillingsinsel. »Ein Pressefoto zeigt, wie meine Mutter aussah, als sie mit dem Gedanken an mich schwanger ging. … Leben im Rückwärtsgang: das Foto in Stücke reißen, die Fetzen kauen und schlucken. Hinein mit der Mutter in den Bauch der Tochter! Damals war es umgekehrt.«

Mit der Doppelrolle als Mutter-Zwilling tut sich freilich auch Iris nicht leicht. Weder neugierig noch gelassen kann sie auf die Tochter zugehen, denn: »Die Aufzucht musste planvoll erfolgen, behutsam, aber konsequent und natürlich mit der besten Absicht, keinen Fehler in der Erziehung zu wiederholen.« Als ihr junges Abziehbild sie in den unausweichlichen Zweikampf um Attraktivität und Unverwechselbarkeit zwingt, wird Iris der Triumph, sich noch einmal erschaffen zu haben, zunehmend bitter.

Und Siri geht gnadenlos mit der Mutter ins Gericht. »Klonen ist Missbrut«, urteilt sie drastisch und erklärt: »Dieses Wort ähnelt dem Begriff Missbrauch und genau das ist beabsichtigt. Denn moralisch obszön sind beide, und auch die Opfer leiden ähnlich … Sie lieben die Täter, die ihr Vertrauen ausnutzen.«

Ist das ein Buch für Jugendliche? Können sie mit den hasserfüllten Gedanken einer jungen Frau etwas anfangen, die den normal-schmerzhaften Ablösungsprozess zwischen Mutter und Tochter gezwungenermaßen auf die Spitze treiben?

Ja. Denn kommende Generationen werden vor Entscheidungen stehen, die uns jetzt noch alpträumen lassen. Also stellen Sie es sich vor. In allen Einzelheiten.

Iris Mainka

 

Süddeutsche Zeitung vom 4.2.2000

Kann man eine Seele klonen?
Jugendautorin Charlotte Kerner liest bei einer Reihe über die Zukunft

»Die Welt begreifen, die Zukunft verstehen«: In einer den Februar über dauernden Veranstaltungsreihe der Stadtbibliotheken für Kinder und Jugendliche liest neben Kirsten Boie, Reinhold Ziegler, Elisabeth Zöller und Nikolaus Piper auch die Autorin und Wissenschaftsjournalistin Charlotte Kerner (21. Februar, 11 Uhr, Bibliothek Sendling; Informationen in allen Stadtbibliotheken). Ihr Zukunftsroman Blue print Blaupause (Beltz & Gelberg) über das Klonen fand große Beachtung: Eine junge Frau ist der Klon einer ehrgeizigen Musikerin. Nach dem Tod des »Mutterzwillings« versucht sie, eine eigene Identität zu finden.

SZ: Erschrickt das junge Publikum bei diesem Thema?

Kerner: Wenn sie unvorbereitet in meine Lesung kommen und ich erst mal das Phänomen »Dolly« erklären muss, ist schon ein unglaubliches Erschrecken spürbar.

SZ: Ist das Thema für Jugendliche nicht zu abstrakt und schwierig?

Kerner: Es interessiert und berührt sie, weil der Klon in meinem Buch mit einem Problem konfrontiert ist, mit dem sich auch normale Töchter und Söhne auseinandersetzen: Was bin ich, was will ich, was wollen meine Eltern?

SZ: Warum legen Sie in Ihrem Buch die ethische Kritik ganz in die Figur der Hauptdarstellerin, in den Klon selbst?

Kerner: Die aktuelle Diskussion endet immer bei der Frage: Klonen oder nicht? Deshalb lasse ich zum ersten Mal einen Klon sprechen. Nach meiner Prognose wird diese Form der Fortpflanzung so vom Jahr 2003 an für Privilegierte möglich sein. Es wird laufen wie beim Retortenbaby: Am Anfang gibt es große Schlagzeilen und dann wird es ein Stück weit Alltag. Aber die Fragen nach der besonderen Existenz dieses neuen Menschen sind ja das Entscheidende. Viele Jugendliche sagen, eigentlich ende das Buch positiv, weil die Heldin ihre Identität findet.

SZ: Also begreifen die Leser das Schicksal Ihrer Heldin nicht als Warnung?

Kerner: Die meisten sind sehr angerührt und stellen zuerst die Frage, warum jemand sich überhaupt klonen will. Ich provoziere dann und sage, stellt euch vor, ich bin jetzt eine Frau Ende 20, fühle mich ganz toll und möchte ein Kind. Warum soll ich krampfhaft einen Mann suchen oder zur Samenbank gehen? Da ist Klonen doch die saubere Lösung und außerdem verschwende ich mich nicht an ein dummes Kind. Dann denken die Jugendlichen erst mal nach. Einige sagen: »Okay, kann ich mir vorstellen.« Andere meinen: »Das ist der letzte Graus, das darf man nicht machen. Das muss man verbieten.«

SZ: Sie selbst als Wissenschaftsjournalistin glauben nicht, dass die Entwicklung noch aufzuhalten ist?

Kerner: Die Gesellschaft kann ethische Maßstäbe setzen, aber entscheiden muss der Einzelne selbst. Man darf nicht vergessen, dass es für diese Art der Fortpflanzung einen Markt gibt. Es ist ein großes Geschäft mit den Sehnsüchten der Menschen. Am meisten in der Diskussion mit Jugendlichen hat mich die Frage einer jungen Frau beeindruckt: »Wollen Sie eigentlich mit dem Buch sagen, dass man eine Seele nicht klonen kann?«

Interview: Roswitha Budeus-Budde

 

Lesezeichen vom 3.2.2000

Klon ohne Selbst
Charlotte Kerners »Blueprint«: Diskussionsstoff

Die Genwissenschaft geht mit Siebenmeilenstiefeln voran. Und Charlotte Kerner ging in ihrem neuen Roman »Blueprint« gedanklich noch einen Schritt weiter: »Blueprint« ist die Biographie eines Klons. Dabei passt das Wort »Biographie« eigentlich nicht mehr. Denn das Buch hört auf, als Siri richtig zu leben beginnt. Ein Leben, das den Tod ihrer Mutter bedingt.

Siri wurde – so erzählt sie es – aus purem Eigennutz erschaffen. Ihre Mutter erkrankt an MS, hat den Tod vor Augen. Doch sie will ewig leben, sich in ihrem Kind gesund sehen. Sie bringt den ersten Klon zur Welt. Mama: Iris, Tochter: Siri. Das Spiegelbild der Mutter, doch fast schon zu gleich, um ein echtes Spiegelbild zu sein. »Du bist mein Leben.« Dieser Satz zieht sich durch Siris Kindheit. Normale Mutterliebe kennt sie nicht. Sie lebt simultan, wird darauf getrimmt, eine so berühmte Pianistin zu werden wie ihr Klonzwilling. Noch merkt sie nicht, dass sie anders als die Kinder um sie herum ist.

Bis ihre Oma sagt: »Du Monster«, und Siri nicht weiß, ob sie oder ihre Mutter gemeint ist. »Blueprint« ist ein Buch, das stellenweise den Atem stocken lässt. Fast kalt schreibt der Klon Siri über sein Dasein. Schon in den ersten Zeilen merkt der Leser, dass hier etwas aus den Fugen geraten ist, dass hier ein Mensch spricht, der nie ein natürliches Verhältnis zu sich und zu seiner Mutter haben kann. Die traurige Konsequenz: Erst als Iris stirbt, beginnt Siri zu leben.

Kerner versucht, Klischees zu vermeiden. Ihre Vision wurde bis in die kleinsten Details durchgearbeitet. Und wird damit zur Horrorvision, macht bewusst, dass übereifrige Wissenschaftler neuen Möglichkeiten entgegenstürzen, deren psychologische Folgen sie nicht im Mindesten überschauen und berechnen können. Im Buch ist wie selbstverständlich die Rede von »Menschenmaterial« und »Wiederverwertbarkeit«, von »Material züchten« und »Einfrieren«. Bei all dem fällt es dem Leser schwer, Siri zu mögen oder eine Vertrautheit aufzubauen. Weil sie eben so wirkt, wie sie ihre Mutter beschreibt. Und zu dieser empfindet sie Hass. Ein »Ich-Gefühl« fehlt völlig. Siri schreibt von sich immer wieder auch in der dritten Person. Ihre Selbstwerdung ist ein schwerer, langer Prozess, dem jegliche Leichtigkeit verloren gegangen ist.

Der Jugendroman bietet Diskussionsstoff. Mit Diskussionen ist schon ein Schritt gemacht. Ein ideales Buch für den Unterricht – und zwar nicht nur für Deutsch, sondern auch für Religion, Ethik oder Biologie. (lit)

 

Eselsohr 5/99

Das erste geklonte Kind
Zwischen Sachbuch und Roman

Charlotte Kerner hat ein faszinierendes Talent für Biographien und für Romane, die aktuelle Themen aufgreifen. In »Geboren 1999« (Retortenkind) und ganz neu in Blueprint greift sie mit Fiktion in die aktuelle Diskussion ein, versetzt ihre Geschichten ganz leicht in die Zukunft und fragt: Was wäre wenn? Was wäre, wenn nicht nur Schafe, sondern auch Menschen geklont würden? Oder werden sie es schon?

Die hoch begabte, unheilbar kranke Iris Sellin beschließt mit 30 Jahren, sich klonen zu lassen, diesen Klon, ihren »Zwilling«, zur Welt zu bringen und ihr Leben durch das identische Kind zu verlängern. Das Mädchen soll die Chance haben, eine noch außerordentlichere Karriere als Pianistin und Komponistin zu machen als der »Mutterzwilling« Iris. Ob auch die Krankheit geklont wird, bleibt offen als nicht kalkulierbares Risiko. Die Ich-Erzählerin Siri (!) erzählt, was es in einem Menschen anrichtet, ein Klon zu sein, ein Blueprint, kein Einling, sondern eine Kopie, die ohne Umwege vom Original gewonnen wurde.

Äußerlich ist die 22-jährige Siri ganz normal – »der Horror spielt sich innen ab« –, als sie nach dem Tod ihrer Mutter mit ihren Aufzeichnungen beginnt, wütend und mit dem festen Vorsatz, nie mehr ein Klavier anzurühren, nicht in die Fußstapfen der Mutter zu treten. Sie erzählt die Geschichte ihrer Entstehung, so wie sie sie von ihrer Mutter erfahren hat, und die ihrer Kindheit und Jugend. Je älter sie wird, desto größer wird ihr Bedürfnis, mehr und anders zu sein als ihr »Muzwi«. Nach deren Tod setzt sie ihr Leben durch das Schreiben neu zusammen, klont sich selbst, wie sie sagt.

Zehn Jahre später hat sie es geschafft, sie selbst zu sein. Sie ist genauso berühmt wie ihre Mutter in diesem Alter und hat unter dem Künstlernamen Double-Jou (bzw. Double-Blue, beide Schreibweisen werden benutzt, sicher ein Druckfehler) die erste große Einzelausstellung ihrer beweglichen Skulpturen. In Text und in Anhang und Danksagungen wird deutlich, dass Kerner viele Erkenntnisse aus der Zwillingsforschung gezogen hat, insbesondere aus Arbeiten über Künstlerzwillinge. Dass der Zwilling auch noch »Elter« ist, dass die Besonderheiten der Identitätsfindung und Ablösung von den Eltern mit einer so identischen Person erlebt und erlitten werden müssen, gibt den Überlegungen und der Geschichte ihre besondere Brisanz.

Ein Thema, das besser in dieser Geschichte als in trockenen Fakten abgehandelt wird, macht »Blueprint« zu einem faszinierenden erzählenden Sachbuch, das aus dem Rahmen fällt.

Gabriela Wenke

 

Lübecker Nachrichten vom 4.5.1999

Charlotte Kerner:
Blueprint/Blaupause

Wie mag sich das anfühlen, das genaue Abbild, die Blaupause, eines anderen Menschen zu sein? Wie mag das sein, wenn dieser andere Mensch noch die eigene Mutter ist? Es ist mittlerweile vorstellbar, dass eines Tages Menschen geklont werden. Die Lübecker Autorin Charlotte Kerner hat darüber einen Roman geschrieben.

Iris Sellin, eine berühmte Pianistin aus Lübeck, erkrankt an der unheilbaren Krankheit Multiple Sklerose. Aus Angst, all das durch den Tod aufgeben zu müssen, was sie sich in ihren Lebensjahren aufgebaut hat, Karriere, Anerkennung und die Liebe zur Musik, lässt sie sich klonen. Neun Monate später kommt die Tochter Siri auf die Welt. Eine glückliche Kindheit wird sie haben, aber mit zunehmendem Alter wird Siri die Beziehung zu ihrer Mutter kritischer sehen. Siris Liebe zu Iris wird zu Hass werden. Siri wird sich abhängig fühlen von ihrer Mutter. Sie wird sich nicht als menschliches Individuum sehen, kein richtiges »Ich« entwickeln. Immer nur das »Wir« wird in Siri leben. Die Versuche, die Mutter auf Siris »Ich« aufmerksam zu machen, schlagen fehl. Die Mutter sieht in Siri nur sich selbst, nur ihr eigenes Abbild. Nach dem Tod der Mutter beginnt Siri, sich neu zu orientieren. Sie versucht, ihr Leben zu verstehen und zu verarbeiten.

Charlotte Kerner gelingt es, die Vorstellung des Klonens mit all seinen positiven und negativen Seiten greifbar zu machen. Letztendlich entpuppt sich das Klonen als etwas Unmenschliches – als der gefährliche Versuch des Menschen, sich einmal Göttlichkeit anzueignen, einmal auf eigene Faust Schöpfer zu spielen.

Johanna Rebling

 

Aargauer Zeitung vom 4.3.1999

Aus »Iris« wird »Siri« – eine Klon-Geschichte
»Blueprint – Blaupause«. Als »Einling« geboren

Die hoch begabte Pianistin und Komponistin Iris Sellin ist gerade dreißig Jahre alt, als sie erfährt, dass sie unheilbar an Multipler Sklerose erkrankt ist. Die Diagnose löst nur kurzzeitig einen Schock aus, dann handelt Iris Sellin: Sie lässt sich klonen, um ihr Können weiterzugeben. Das medizinische Experiment glückt. Siri, Tochter und Zwillingsschwester zugleich, wird wie jeder normale »Einling« geboren, wächst unauffällig heran. Tatsächlich entfaltet Tochter Siri nicht nur dasselbe musikalische Talent wie der Mutter-Zwilling, »Muzwi« genannt, sondern wird ihrem Klon-Original auch äußerlich absolut identisch. Innerlich gelingt die Doppelung jedoch nicht. Siri empfindet sich mehr und mehr als Iris-Kopie, als Blaupause. Erst mit dem Tod des Muzwi wird für Iris die Suche nach der eigenen Identität möglich.

Symptomatisch für Charlotte Kerners Roman ist die Tatsache, dass »Blueprint – Blaupause« nicht als durchgängige Ich-Erzählung abgefasst ist. Sprunghaft-unvermittelt wechselt der Bericht seinen Blickwinkel, schaut mal von außen auf den reinen Handlungsablauf, schwenkt dann auf die Innensicht der Dinge, flechtet selbst erzählte Abschnitte ein und schafft auf diese Weise gekonnt Parallelen zu den Gefühlswelten von Iris-Siri. Hat man die anfängliche Irritation ob der launenhaft wirkenden Schreibweise einmal überwunden, begreift man schnell, wie ungemein präzise hier – anhand der Empfindungsmuster der beiden nur scheinbar identischen Hauptakteurinnen – über die gesamte Problematik des Klonens nachgedacht wird. Lesend wächst man so perfekt in diese Doppelung hinein, dass am Ende tatsächlich nur die Frage nach der Individualität, oder besser: der Exklusivität jedes einzelnen Menschen stehen kann.

Charlotte Kerner entwirft mit »Blueprint« nicht zum ersten Mal einen Science-Fiction-Roman. Auch »Geboren 1999« entwickelte eine nur knapp in die Zukunft verschobene Vision. »Blueprint« zeigt ähnliche Methodik, das heißt: verzichtet auf das Ausformen eines eigentlichen Horror-Szenariums. Die beängstigende inhaltliche Wirkkraft resultiert aus den uns gegenwärtigen Fakten, wurzelt in der Jetzt-Zeit. Dass Charlotte Kerner nicht nur »das Mögliche weitergedacht hat«, wie sie im Nachwort sagt, sondern das komplizierte Thema in ein faszinierendes Stück Literatur einbettet, ist für die Problematik ein großes Glück: Auf diese Weise lässt man sich gern zum Überlegen anregen. (rgr)

 

Nürnberger Nachrichten vom 13.3.1999

Null Liebe
Das Leben eines Klons

Siri legt ihren Geburtstag neu fest. Es ist der Tag, an dem die Mutter stirbt. Siri ist nicht länger ein Monster, der Tod ermöglicht ihr alleiniges Ich. In Charlotte Kerners faszinierendem Zukunftsroman Blueprint, Beltz & Gelberg Verlag, 26,80 Mark, erfahren Jugendliche ab 14 beklemmende Einzelheiten einer Mutter-Tochter-Verbindung, die wissenschaftlich noch nicht machbar ist, wie es im Nachspann beruhigend heißt, über die in Forschungslabors aber schon lange gegrübelt wird. Iris, Siris Mutter, eine berühmte Musikerin, erkrankt an Multipler Sklerose. Selbstsüchtig beschließt sie, sich nicht aussterben zu lassen. In Montreal präpariert ein Wissenschaftler eine ihrer Eizellen mit ihren DNS-Infos und pflanzt ihr das Gebilde in die Gebärmutter.

Nach Siris Geburt feiern Feministinnen die mutige Protagonistin, die Großmutter wendet sich angeekelt ab: »Siri ist mein Kind und dein Vater ist eigentlich auch ihr Vater.«

Mit den Reflektionen der alten Dame setzt Autorin Kerner zu Kritik an Iris Reproduktion an, die im Verlauf der Entwicklung des Klons immer stärker wird. Das eisige Klima zwischen Iris und Siri lässt den Leser schaudern und entsetzt erkennen: Wenn die Zukunft beginnt, hat die Liebe ein Ende.
up

 

Lübecker Nachrichten vom 16.2.2002

Die doppelte Franka
»Blueprint«: Der Roman über eine Frau und ihren Klon wird verfilmt

Für den Roman »Blueprint« bekam die Lübecker Autorin Charlotte Kerner 2000 den Deutschen Jugendliteraturpreis. In dem Buch geht es um eine Komponistin und Pianistin, die sich klonen lässt, um durch ihre Tochter weiterzuleben. Jetzt will Rolf Schübel (»Gloomy Sunday«) den Roman verfilmen – mit Franka Potente und Sebastian Koch in den Hauptrollen. Hanno Kabel sprach mit dem Regisseur.

Lübecker Nachrichten: Wie lösen Sie das Problem, dass sie die zwei Hauptfiguren von einer Darstellerin spielen lassen?

Rolf Schübel: Soweit es geht, haben wir nur eine von beiden im Bild. Aber ein paar Szenen werden wir mit Motion control drehen müssen, wo Franka Potente in beiden Rollen gleichzeitig auftritt – als 20-jährige Siri und als 50-jährige Iris.

LN: Wie kamen Sie auf Franka Potente?

Schübel: Sie hat ein tolles Gesicht, das altersmäßig nicht genau zu definieren ist. Aus einem Girlie könnte man keine 45 Jahre alte Frau machen. Aber um sicher zu sein, dass es funktioniert, habe ich mit ihr vereinbart, dass sie bei einem Maskencasting sich für alle drei Rollen herrichten lässt: als 30-jährige Diva, als 20-jährige mit Jeans und Mütze und als 45-Jährige, die schon sehr krank ist. Das hat mich überzeugt, dass Franka die Richtige ist.

LN: Verstehen Sie Ihren Film als Beitrag zu einer aktuellen Debatte?

Schübel: In gewisser Weise ja, aber der Film stellt eher in Frage, als dass er Antworten gibt. Das Buch und der Film wenden sich zum ersten Mal einem Menschen zu, der geklont worden ist: Was würde in dem vorgehen? Das Schaf Dolly kann man ja nicht fragen. Deshalb gebe ich dem Film auch international gute Chancen. Vielleicht noch mehr als »Gloomy Sunday«.

LN: Das Buch spielt in Lübeck. Werden Sie in Lübeck drehen?

Schübel: Wir hätten sehr gern Lübeck genommen. Aber die Ländermittel kommen aus Hamburg und Nordrhein-Westfalen – das heißt, wir müssen dort unser Geld ausgeben. Wir haben Lübeck durch Münster ersetzt. Das ist von allen nordrhein-westfälischen Städten die, die noch am ehesten etwas mit Lübeck gemein hat: eine mittelgroße, gediegene, alte Bürgerstadt.

LN: Was empfinden Sie für Iris, die Mutter, die sich klonen lässt?

Schübel: Ich habe Hochachtung vor ihr. Diese Figuren, die zurzeit ihre Klonwünsche in Illustrierten und TV-Sendungen äußern, kommen mir dagegen sehr armselig vor – die interessieren mich nicht, die finde ich alle öde. Iris ist anders: Als gefeierte Künstlerin mit Multipler Sklerose, die auf diese Weise ihre Kunst der Welt erhalten will, ist sie natürlich neurotisch und egozentrisch – aber sie will auch ihrem Publikum etwas geben. Sie kann sich zumindest einreden, dass das ihr Hauptmotiv sei.

LN: Welche Bilder aus »Blueprint« haben sich Ihnen besonders eingeprägt?

Schübel: Ich weiß mittlerweile gar nicht mehr, was aus dem Roman stammt und was wir für das Drehbuch dazuerfunden haben. Ist das im Roman, dass Siri sich beim ersten gemeinsamen Konzert mit ihrer Mutter einen Judenstern ansteckt?

LN: Nein, da ist es eine Schleife.

Schübel: Das ist jedenfalls eine tolle Metapher, weil sie die ganze Verzweiflung einer 14-Jährigen zeigt, die sich ausgestoßen fühlt. Aber wenn wir Bilder dazuerfinden, heißt das nicht, dass der Roman schwach wäre – ganz im Gegenteil. Ein Drehbuch muss aber Bilder suchen und die Handlung verdichten. Wir haben eine Rahmenhandlung erfunden: Siri ist bei uns nicht Künstlerin geworden, sondern hat sich nach Kanada in eine Hütte im Wald geflüchtet. Damit beginnt der Film.

LN: Verwenden Sie die Musik der Komponistin Violetta Dinescu, die der Romanautorin als Inspiration diente?

Schübel: Nein, wir haben aus Iris eine Mozart-Interpretin gemacht. Erst im Laufe ihrer Entwicklung komponiert sie dann ein Klavierkonzert und eine Oper. Das wird unser Filmkomponist machen. Es wird in die Richtung Neo-Romantik gehen, so etwas in Richtung des polnischen Komponisten Penderecki. Das passt zu Iris’ Beschäftigung mit Schöpfung und Tod.

LN: Es gibt in dem Buch eine Schöpfungsszene – im Labor. Wie setzen Sie das um? Gibt es da einen Frankensteinschen Schauer?

Schübel: Nein, nichts Frankensteinsches! Wir verwenden dokumentarische Bilder von der Entkernung einer Eizelle. Wenn man das auf die große Leinwand bringt, ist das schon irre genug, da braucht man keinen Frankenstein.

»Blueprint« kommt voraussichtlich im Frühjahr 2003 in die Kinos.
Der Regisseur Rolf Schübel, geb. 1942, machte mit »Gloomy Sunday« 1999 sein Spielfilmdebüt. Vorher hatte er 30 Jahre lang Dokumentarfilme gedreht. Er gewann dreimal den Grimme-Preis und zweimal den Preis der deutschen Filmkritik.

 

Verstoß gegen die Menschenwürde

Die Klone und Leihmütter, entkernten Eizellen und Retortenbabys wird Charlotte Kerner so schnell nicht los: »Blueprint«, erschienen 1999, ist ein viel gelesenes und vor allem viel diskutiertes Buch. Und noch immer sprechen Leser sie auf ihr vor elf Jahren erschienenes Buch »Geboren 1999« an, eine beunruhigende Zukunftsvision zum Thema Fortpflanzungs-Medizin.

Auch wenn der Roman »Blueprint« nicht ausdrücklich Stellung bezieht: Charlotte Kerner ist dafür, dass das Klonen von Menschen verboten bleibt. »Andererseits mache ich mir keine Illusionen. Die Frage ist nur noch: Wer macht’s als Erster?« Ernst zu nehmen sei die Arbeitsgruppe um den ehrgeizigen italienischen Arzt Severino Antinori, der offen sein Projekt betreibt, Menschen zu klonen.

Grundlegend, sagt Kerner, sei nicht die Frage, ob ein Klon auf Dauer gesund und lebensfähig sein könne: »Das kann die Forschung alles in den Griff kriegen. Aber da darf man nicht stehen bleiben. Die Fragen sind: Was sind die Motive des Klonens? Warum verstößt es gegen die Menschenwürde?« Das sind die Fragen, die auch »Blueprint« stellt.

Kritisch betrachtet Kerner die aktuelle Debatte um Herstellung und Import von embryonalen Stammzellen. »Es war schon immer klar, dass das Ziel der Forschung war, zu jedem Menschen ein Ersatzteillager herzustellen. Wenn man das will, dann führt nichts daran vorbei, Embryonen zu Forschungszwecken herzustellen.«

Über die Verfilmung von »Blueprint« freut sich Charlotte Kerner. »Ich habe das Buch eigentlich für sehr schwer verfilmbar gehalten. Aber Franka Potente traue ich es zu, diese schwierige Doppelrolle zu spielen. Und von dem Drehbuch, wie der Regisseur Rolf Schübel es überarbeitet hat, war ich begeistert.« Sie selbst hat bei dem Drehbuch nur beratend mitgewirkt. Einspruch erhob sie dagegen, dass in der ersten Fassung der Mediziner Mortimer Fisher die Pianistin Iris Sellin in aller Heimlichkeit klont: »Das ist unrealistisch: Ein Wissenschaftler, dem das gelingt, wird niemals stillhalten. Er wird es veröffentlichen.«

Das Thema lässt sie nicht los – aber die Bücher, an denen Charlotte Kerner zurzeit arbeitet, haben nichts damit zu tun: »Was zum Klonen gesagt werden kann, ist gesagt.« Im Herbst erscheint »Die Nonkonformistin«, eine Biographie der irischen Architektin und Designerin Eileen Gray (1878–1876). Und in anderthalb bis zwei Jahren wird ihr nächster Roman erscheinen. Über den macht Charlotte Kerner einstweilen nur Andeutungen: Eine Zukunftsvision wird es wieder sein, diesmal aber kein Jugendbuch. Und das Thema habe etwas mit dem von John Irvings neuem Roman »Die vierte Hand« zu tun – darin geht es um die Transplantation von Körperteilen.

Der Roman
Vom Leid des Klons

In dem Roman »Blueprint« (Blaupause) geht es um die seelischen Nöte des ersten geklonten Menschen. Das Mädchen Siri Sellin ist die genetische Kopie ihrer Mutter Iris. Die ist eine berühmte Konzertpianistin und Komponistin und leidet an der unheilbaren Krankheit Multiple Sklerose. Durch ihre Tochter will sie ihre Begabung der Nachwelt erhalten.

Siri weiß von Beginn an, dass sie ein Klon ist. Als Kind fühlt sie sich eins mit ihrer Mutter. Umso heftiger gerät der Mutter-Tochter-Konflikt in der Zeit des Heranwachsens. Siri leidet unter der Last, das Leben ihrer Mutter fortsetzen zu sollen. Am Ende geht sie einen anderen Weg.

Blueprint ist das erste Buch, das sich auf realistische Art den individuellen Folgen des Klonens zuwendet – jenseits reißerischer Science-Fiction-Szenarien von Armeen geklonter Arbeitssklaven. Der Schauplatz der Handlung ist Lübeck, wo die Autorin lebt.

Hanno Kabel

 

Zitate aus weiteren Rezensionen

»Ein gelungener und hochkritischer Beitrag zur brisanten Diskussion um das Klonen von Menschen.«
Girl

Ein fesselnder, ebenso intelligenter wie bewegender Roman, hitverdächtig.«
BuchMarkt

»Ein hochaktuelles, brisantes Thema überzeugend, spannend und mit viel Feingefühl erzählt.«
Bücher / Livres

»In ihrem zweiten fiktiven Roman nach Geboren 1999 stellt Charlotte Kerner in eindrucksvoller Weise vor Augen, was Wissenschaft vermag und welche Auswirkungen das auf den Menschen haben kann. Ein faszinierender Beitrag, der Erwachsene und Jugendliche gleichermaßen begeistern wird.«
Der Evangelische Buchberater

»Ein aufwühlendes Buch, das durch seine schonungslose Darstellung besticht.«
ARD/ZDF Videotext

»Leicht verständlich schildert Kerner die wissenschaftlichen Voraussetzungen und Verfahrensweisen des Klonens. Was in nicht allzu ferner Zukunft zu erwarten ist, ihre Geschichte nimmt es als Fiktion vorweg und öffnet ein weites Spektrum der damit verbundenen Probleme in gesellschaftlicher, ethischer und individualpsychologischer Hinsicht.«
Deutschlandradio

»Siris verstörende Geschichte ist keine leichte, aber eine zum Nachdenken animierende Geschichte.«
BrigitteYoung Miss

»...konfrontiert LeserInnen mit moralischen und ethischen Problemen, wie sie bereits heute durch den wissenschaftlichen Fortschritt aufgeworfen werden.«
Rheinische Post

»Die Autorin beschreibt mit Sarkasmus und Spannung bis zur letzten Seite eindrucksvoll ein Leben und eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die es bis jetzt noch nicht gegeben hat. - Mit umfangreichem Erklärungsteil.«
Märkische Oderzeitung

»'Blueprint Blaupause' wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2000 ausgezeichnet. Der Roman ist eine gute Grundlage, um über die Problematik zu diskutieren. Allerdings eignet sich das Buch nur für Leserinnen und Leser, die sich auch an etwas kompliziertere Texte heranwagen wollen und wirklich Interesse für das Thema 'Klonen' haben. Der Verlag empfiehlt es sogar erst für Jugendliche ab 14.«
FLOH 2/03

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