Charaktere Siri Sellin
Siri Sellin, die Tochter

Der Roman von Charlotte Kerner ist in Form einer Autobiographie geschrieben. Die Hauptperson Siri Sellin versucht darin, in zwei Etappen (einmal kurz nach dem Tode ihrer Mutter, als sie 22 Jahre alt ist, und zum anderen zehn Jahre später) ihr Leben aufzuarbeiten und Rechenschaft über sich abzulegen. Ihr Schreibversuch ist für sie der Weg, ihre Identität zu finden und den Ablösungsprozess von ihrer Mutter zu verarbeiten. In ihrem zweiten Schluss macht sie deutlich, dass der Ablösungsprozess glücklich verlaufen ist. Ihr Schreiben über sich selbst kann man also als einen erfolgreichen Versuch therapeutischen Schreibens bewerten.

Siri wächst unter den besten Bedingungen auf. Sie wird von ihrer Mutter sehr geliebt, obwohl man diese Liebe eine „Zweckliebe“ nennen kann. Auf Grund der häufigen Abwesenheit der Mutter wegen ihrer Konzerte wird sie von einer Kinderfrau, Daniela Hausmann, betreut, die einen Sohn, Janeck, auch Janne genannt, hat, der mit Siri zusammen aufwächst und der für sie wie ein Bruder ist. Daniela Hausmann wird von Siri sehr geliebt; die Beziehung zu ihr gestaltet sich enger als zur eigenen Mutter, da sie viel unterwegs ist. Ausdruck dessen ist der Kosename „Dada“, den Siri ihr gibt. Dada ist zugleich Klavierlehrerin und soll Siri gezielt auf ihre Karriere als Pianistin vorbereiten.

Schon frühzeitig bekommt die „Symbiose“ zwischen Tochter und Mutter einen „Sprung“, als Siri durch Zufall hört, dass ihre Großmutter sie als „Monster“ bezeichnet und sie mit „feindseligen“ Augen anfunkelt (S. 54). Diese hat das Klonen immer abgelehnt und ihrer Tochter Iris ganz deutlich gemacht, dass sie Siri nie wird lieben können. Als Siri am nächsten Tag ihre Mutter nach der Bedeutung des Wortes „Monster“ fragt und eine Lüge zur Antwort erhält, zerbricht etwas in ihr: „Gute Feen und Zauberinnen lügen nicht“ (S. 56).

Mit dreizehn Jahren beginnt der Ablösungsprozess Siris von ihrer Mutter immer deutlichere Formen anzunehmen, denn als Siri morgens im Spiegel nicht mehr sich selbst, sondern das Bild ihrer Mutter sieht, lautet ihre verzweifelte Feststellung: „Meine Seele krankte an Iris und suchte Siri“ (S. 86). Dieser Satz ist der Ausdruck einer massiven Identitätskrise: Siri weiß nicht, wer sie eigentlich ist.

Sie versucht einen Ausweg zu finden, indem sie ganz bewusst in die Rolle ihrer Mutter schlüpft. Als sie ihre Großmutter im Krankenhaus besucht, gibt sie sich als ihre Mutter aus, ohne dass die Großmutter diesen Betrug merkt. Zum anderen versucht sie Kristian, den Freund ihrer Mutter, zu täuschen und zu verführen. Sie wird zur Rivalin in der Liebe. Zwischen ihr und ihrer Mutter entstehen so Missgunst, Neid und Eifersucht.

Ihr nächster Schritt, um ihre eigene Identität zu finden, ist die bewusste Abgrenzung von ihrer Mutter. Ein äußeres Zeichen davon ist ihre bunte Kleidung, die Iris nicht ausstehen kann, die Siri aber als ihre „Kriegsbemalung“ im Kampf gegen die Mutter provokativ einsetzt.

Zum Schlüsselerlebnis für die Zerstörung der „Symbiose“ zwischen Mutter und Tochter wird das erste Konzert, das Siri als Sechzehnjährige gibt und bei dem sie völlig versagt. Sie fühlt sich als Marionette, die an den DNS-Fäden der Mutter hängt. Als dann die Mutter - vom Publikum gedrängt - ihre virtuose Kunst entfaltet und damit ihre Tochter demütigt und erniedrigt, kommentiert Siri die Situation mit Worten voller Verzweiflung: „Klein und elend und von dir verraten fühlte ich mich: Lebenszweck verfehlt, nichtsnutzige Missbrut! Klon kaputt!“ (S. 117)

Als Siri kurze Zeit später auf Drängen ihrer Mutter deren neueste Komposition „Terra Lonhdana“ vorspielen soll, wird der soeben beschriebene psychische Zusammenbruch auch körperlich sichtbar. Siri kann plötzlich nicht mehr Klavier spielen, da ihre Hände ihren Dienst versagen: „Meine Hände hatten sich als Erste davongemacht; sie waren einfach davongeflogen.“ (S. 124) Bei Siri ist nicht – wie zuerst befürchtet – ebenfalls die MS-Krankheit ausgebrochen, vielmehr werden ihre Ausfallerscheinungen als Zeichen von Überanstrengung, extremen Angstzuständen und innerer Anspannung gedeutet. In Wahrheit ist der „Verlust der Hände“ aber ein äußeres Zeichen für den inneren Ablösungsprozess, der durch ein Gefühl der Erleichterung begleitet wird: „Ich fühlte mich so leicht ohne meine Hände.“ (S. 124)

Siri verlässt ihre Heimatstadt Lübeck und zieht nach Hamburg, wo sie bei ihrem „Bruder“ Janeck wohnt. Sie durchtrennt damit die engen DNS-Fäden zu ihrer Mutter ganz bewusst. Die Tränen, die sie beim Verlassen Lübecks vergießt, sind ein äußeres Zeichen des Abschieds von der Kindheit und den Kindheitsträumen und zugleich Zeichen des Übergangs in den Status des Erwachsenen. In der Forschung zur Adoleszenzliteratur wird diese Reise, das Verlassen des Elternhauses, als „Initiationsreise“ bezeichnet, die der Heranwachsende vollziehen muss, um erwachsen werden zu können.

In ihrem Leben in Hamburg wird der neue Status, den sich Siri erworben hat, durch zahlreiche Maßnahmen auch äußerlich sichtbar gemacht: Sie streicht ihr Zimmer und ihre Möbel schwarz und blau, weil ihre Mutter nur weiße Wände ertragen konnte. Ihr Haar lässt sie „raspelkurz“ schneiden und färbt es pechschwarz mit einer feuerroten Strähne darin; durch Kontaktlinsen verändert sie ihre Augenfarbe. Vor dem Spiegel übt sie neue Gesten und Bewegungen, einen neuen Gang, ein anderes Lachen und legt das Sellin´sche Nasenkräuseln ab. Ihren Mund schminkt sie schwarzrot, ihre Kleidung ist knallbunt und noch schriller als früher: „Alles sollte anders werden.“ (S. 126)

Trotz aller dieser Maßnahmen gelingt der totale Abnabelungsprozess nicht sofort und nicht problemlos, denn es bleibt in Siri die Sehnsucht nach ihrem „Mutterzwilling“. Und in ihren Träumen werden Erinnerungen wach, steigen aus dem Unbewussten empor und werden bewusst. Janeck muss Siri immer wieder trösten, wenn sie von diesen Alpträumen heimgesucht wird. Erst nachdem Iris ihre Tochter in Hamburg aufgesucht und diese sich deutlich von ihr distanziert hat, ist ein weiterer Schritt der Ablösung vollzogen. Vollständig gelingt die Ablösung aber erst, als die Mutter im Juni, im Sternbild der Zwillinge Kastor und Pollux, stirbt und Siri auf ihrer Beerdigung für ihre Mutter Iris eine Improvisation spielt, bei der sie alles um sich herum vergisst. Ihr Spiel schlägt alle Zuhörer in den Bann, wie sie sich das immer erträumt hat: „Du musstest erst sterben, Iris, damit ich den Applaus zu hören bekam, der mir zustand und der nur mir allein galt.“ (S. 157) Das folgende Zitat fasst den Prozess dieser Ich-Entwicklung und ihren erfolgreichen Abschluss überzeugend zusammen:

Fast zweiundzwanzig Jahre nach meiner Geburt, an einem Juni-Sommertag, konnte ich zum ersten Mal ich sagen, ohne zu lügen. Ich war zu einem Ich geworden, einzig und zum ersten Mal ungeteilt, endlich ein Individuum.
(S. 155)

Die endgültige Bewältigung des Ablöseprozesses erfolgt in einem blutigen Tagtraum, als Siri mit einer Schere ihr blaues Kleid zerstört und sich gleichzeitig verletzt und so die DNS-Stränge zu ihrer Mutter Iris symbolisch durchtrennt.

Mit dreiundzwanzig Jahren beginnt Siri Sellin ein neues Leben, indem sie an einer Kunsthochschule ein Studium beginnt. Zwei Dinge aus ihrem „ersten Leben“ begleiten sie dabei: der Konzertflügel Mr. Black und eine weiße Mamorstatue der Doppelgöttin, die Iris zur Geburt ihrer Tochter Siri von ihrem Manager Thomas Weber geschenkt bekam. Die Tagebücher ihrer Mutter, das Vermächtnis von Iris an ihre Tochter, übergibt Siri ungelesen dem Reißwolf, die Noten und Partituren kommen in die Bibliothek der Musikhochschule. Damit ist das erste Leben von Siri Sellin abgeschlossen.

Zehn Jahre nach dem Tod der Mutter schreibt Siri einen zweiten Schluss ihrer Autobiographie, in dem sie aufzeigt, dass ihr „zweites Leben“ erfolgreich verläuft und dass sie ihren eigenen Weg in der bildenden Kunst gefunden hat. Ihr bedeutendstes Kunstwerk trägt den Titel „Pollux Seul“: Pollux, der Zwillingsbruder von Kastor, lebt „allein“, ist „einsam“, aber „einzig“. Die semantische Vieldeutigkeit des französischen Wortes „seul“ lässt diese verschiedenen Deutungen zu.

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