Die Klon-Debatte Nachwort
von Charlotte Kerner zum Roman »Blueprint Blaupause«

Die Meldung von der Geburt des ersten Klonkindes Eve ging Ende Dezember 2002 um die Welt. Für kurze Zeit schien tatsächlich die Zeit der Menschenklone angebrochen zu sein, hielten viele – auch ich – diese Klongeburt für wahrscheinlich. Die Zeitungen dichteten passend zur Weihnachtszeit »Ihr Klonkinderlein kommet« und mein Roman Blueprint war plötzlich keine Sciencefiction mehr. Auf beklemmende Weise machte der vermeintliche Klon Eve, der sich bald als Falschmeldung und ausgeklügelter Werbegag einer Sekte entlarvte, klar, wie unglaublich fiction und facts, Phantasie und Tatsachen, sich bereits angenähert haben.

Als ich Mitte der neunziger Jahre begann, die noch unmögliche Geschichte von Iris und Siri Sellin zu erzählen, musste ich nur das bereits Mögliche weiterdenken. Und das Mögliche, das den allerersten Anstoß für dieses Buch gab, geschah bereits im Oktober 1993. Zwei amerikanische Wissenschaftler spalteten menschliche Embryonen in der Schale (in vitro) mit »mikrochirurgischen Methoden« und schufen so zum ersten Mal »künstliche Zwillinge«. Aus den Zwei- und Achtzellern wurden zwei bis acht Zellen mit identischen Genen, die sich tatsächlich weiterentwickelten: der Rohstoff für menschliche Klone. Die Forscher vernichteten die Embryonen im 32-Zellstadium und präsentierten ihr Experiment der Öffentlichkeit.

Was die Forscher taten, wurde in der Tierzucht seit langem praktiziert und brachte keinerlei neue Erkenntnisse. Der Tabubruch allein war das Ziel und ein Signal, ein lautes Warnsignal. Denn als eigentliche Herausforderung galt die Herstellung der Kopie eines erwachsenen Säugetieres, also die Erschaffung von eineiigen Zwillingen, die eine Generation trennt. Und genau das verkörpern die zwei Hauptpersonen dieses Buches: Die Klon-Mutter Iris und ihre Blaupause, die Tochter Siri.

Ich steckte bereits mitten in der Arbeit an dieser Zukunftsgeschichte, als auch mich das Schaf Dolly überraschte, das schon 1996 geboren worden war, aber wegen Patent-fragen erst 1997 der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde. Dolly war das erste Säugetier, dessen Klonierung aus den Euterzellen eines erwachsenen Schafes gelang. Geklonte Kälber und Mäuse folgten geschwind, Klon-Affen ließen einige Zeit auf sich warten. Je sicherer die Methode und je höher die Erfolgsrate, um so näher rückt die Zeit, in der Menschenklone gemacht und mit uns leben werden (siehe dazu Was kann die Wissenschaft?).

Augenblicklich weilt der Klon auf viel subtilere Weise unter uns: in unserer Sprache. Der Begriff »Klonen« wurde in den letzten Jahren nicht nur gesellschaftsfähig, sondern hat regelrecht Karriere gemacht : Statt »ähnlich« wird oft das Wort »geklont« gebraucht, statt »Doppelgänger« sagt man lieber » Klon«. Auch in Büchern und Filmen hat die menschliche Kopie Konjunktur, meistens als Witzfigur, manchmal aber auch als Zombie oder Schreckgespenst. In diesem Roman dagegen ist der Blueprint Siri Sellin zuallererst ein Kind, ein Mädchen, eine Tochter, also ein Mensch wie jede und jeder von uns.

Blueprint spielt, wie schon mein erster Roman Geboren 1999, in der »schönen neuen Welt« der Fortpflanzungsmedizin. Beide Bücher erzählen, was die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse für einen einzelnen Menschen bedeuten kann, was dieser »Fortschritt« mit und in jemandem anrichtet. Im Zentrum der Geschichte stehen also nicht die Macher und ihre Methoden, sondern die Gefühle der produzierten Kinder und ihre Identitätssuche im anbrechenden »ART-Zeitalter«. Dieser Begriff ist ein Wortspiel, das der Vater der Verhütungs-Pille, Carl Djerassi, geprägt hat: ART – englisch für Kunst – ist die Abkürzung von artificial reproductive techniques (künstliche Fortpflanzungstechniken).

Was 1978 mit dem »Retortenbaby« begann, führte 1996 zur Geburt von Schaf Dolly und wird zu Beginn des dritten Jahrtausends sehr wahrscheinlich mit der Geburt des ersten Menschenklons, des ersten echten Designerbabys oder KUNST-Menschen enden – der Beginn einer Zuchtwahl. Zum ersten Mal wäre dann der Zufall ausgeschaltet, würde ein Mensch tatsächlich produziert.

Das erste große internationale Klon-Geschäft ist bereits angelaufen, zwar nicht mit Menschen, jedoch mit alten oder verstorbenen Haustieren unter dem Motto »clone a pet«. In Genbanken und Bioboxen lagern gegen Geld die Gewebeproben unzähliger vierbeiniger Lieblinge und warten auf eine zukünftige Auferstehung. Die jedoch glückte bislang bei keinem Hund, obwohl ein Öl-Milliardär sehr großzügig das Klonprojekt »Missyplicity« inklusive eines kompletten Forscherteams finanzierte, um seine Collie- Hündin Missy weiterleben zu lassen.

In dem Aufsatz »Laßt uns einen Menschen klonieren. Betrachtungen zur Aussicht genetischer Versuche mit uns selbst«, stellte der Philosoph Hans Jonas schon Anfang der achtziger Jahre fest: »Der Tierzüchter weiß jeweils, was er vom Tier will.« Doch Jonas fragte weiter: »Aber wissen wir auch, was wir vom Menschen wollen?«

Ein Blick zurück, und zwar in den Sommer 1998, als das Manuskript von Blueprint vorlag. Damals fragte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel den amerikanischen Molekularbiologen Lee Silver: »Wann, glauben Sie, wird der erste geklonte Mensch geboren werden?« Der Verfasser des Buches »Das geklonte Paradies« antwortete: »Als die Nachricht vom Klonschaf Dolly um die Welt ging, hätte ich gedacht: in zehn Jahren. Jetzt glaube ich: in fünf Jahren.« Stimmt sein Prognose, würde 2003 zu dem in meinem Roman genannten Jahr Null werden, dem Jahr, in dem der erste Menschenklon geboren wird.

Wenige Monate nach diesem Interview im Dezember 1998 (die erste Auflage dieses Buches ging gerade in Druck) klonten zwei koreanische Forscher tatsächlich zum ersten Mal einen Menschen – und zwar genau wie in Blueprint eine dreißigjährige Frau! – mit der Dolly-Technik. Der Tabubruch allein war hier erneut das Ziel, denn die Mediziner vernichteten diese »Klony« im 32-Zell-Stadium.

Laut einer Umfrage Ende des 20. Jahrhunderts halten Experten das »reproduktive Klonen«, auch Fortpflanzungsklonen genannt, für »unvermeidlich« und »unaufhaltbar«. Wirklich gestritten wird höchstens noch über das Wann: Wird es in drei, fünf oder doch erst in zwanzig Jahren soweit sein?

Ich mache mir keine Illusionen: Menschen werden sich klonen lassen im Namen der Fortpflanzungsfreiheit. Und Forscher werden nicht nur Tiere klonen, sondern sich auch an Menschen wagen, weil sie das »absolute Menschenrecht, Nachkommen zu haben« über alles stellen, so wie der italienische Gynäkologe Severino Antinori. Im Jahr 2002 verkündete er, dass zehn Paare, bei denen die klassischen Verfahren der Reagenzglas-Befruchtung versagt hätten, bereit seien für den Klonnachwuchs. Als der Forscher gefragt wurde, ob eine unverwechselbare genetische Identität zu haben, denn kein Menschenrecht sei, entgegnete er: »Das ist jetzt sehr theoretisch.«

Zu theoretisch, zu schwierig, zu unrealistisch – seit längerem gewinnen solche Argumente gegen das reproduktive Klonen an Raum. Besonders die Frage »Sind Menschenklone überhaupt gesund oder ist ihre Produktion medizinisch zu riskant?« rückt immer stärker in den Mittelpunkt einer Debatte, die sich mehr und mehr auf die rein naturwissenschaftliche Ebene verlagert hat und immer pragmatischer wird. Doch würde die Klonmethode perfektioniert und sicherer, gäbe es keine medizinischen Grenzen mehr und ein Klonverbot verlöre jede Rechtfertigung. Was dann?

In dieser schwierigen Debatte lassen uns allgemeine Hinweise auf die Natürlichkeit und Menschenwürde, auf alte biologische Gesetze ein wenig hilflos zurück. Denn das Klonen von Menschen begründet ohne Zweifel »eine bisher unbekannte Art der interpersonalen Beziehung zwischen genetischem Vor- und Abbild«, schreibt der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas. »Soweit ich sehen kann, müsste das Klonen von Menschen jene Symmetriebedingungen im Verhältnis erwachsener Personen untereinander verletzen, auf der bisher die Idee der gegenseitigen Achtung gleicher Freiheiten beruht.« Anders formuliert: Der Klon zahlt für die Freiheit des Vorbildes, an dem er sich misst und gemessen wird, mit einem zu hohen Maß an Unfreiheit. Er ist eine Art Sklave, doch nicht einfach ein Sklave seiner Gene, sondern der Erwartungen der anderen, die von seiner Klonexistenz wissen, und des Kloners, der ihn allein für seine Interessen, etwa eine »Unsterblichkeit«, nutzen will.

Dolly und ihre vielen tierischen Nachfolger sind stumm und werden es immer bleiben. Ein Artikel über die ersten tierischen Klonversuche trug denn auch – in Anlehnung an einen bekannten Psychothriller – den passenden Titel »Das Schweigen der Lämmer«. Menschenklone dagegen könnten von sich und ihren Gefühlen sprechen – und genau das wagt Siri Sellin. In Blueprint erzählt sie von ihrem Klonwerden und Klon(bewusst)sein: Wie fühlt es sich an, nur eine Kopie zu sein? Das ganze innere Klon-Drama machte eine Schülerin nach einer Lesung aus Blueprint mit der Frage deutlich: Kann man auch die Seele klonen?

Ein weltweites Klonverbot für Menschen wird inzwischen gefordert, doch noch hat die UN keine entsprechende Resolution gegen das »Fortpflanzungsklonen« verabschiedet. Hier sind die europäischen Staaten weiter: Das »reproduktive Klonen« wird in der neuen EU-Charta der Grundrechte als Verstoß gegen die Menschenwürde geächtet.

»Bei der Definition der Menschenrechte werden wir in Zukunft darüber nachdenken müssen«, fordert der Autor und Philosoph Rüdiger Safranski, »ob der Mensch ein Recht darauf hat, geboren und nicht gemacht zu werden; ob er ein Recht hat, dass nur der Zufall, das Schicksal oder, sofern man daran glaubt, ein höhere Bestimmung, nicht aber eine planmäßige Herstellung, ihm seine angeborenen Eigenschaften geben darf.«

Brauchen wir bald ein menschliches Copyright?

Mein erstes Nachwort zu diesem Roman endete mit den Sätzen: Was persönliche und gesellschaftliche Moral im Fall des Klonens bedeutet, darüber muss weiter diskutiert werden. Und was Mut zur Moral bedeutet, darüber muss gerade auch im Einzelfall gestritten werden. Blueprint ist ein Buch zum Streiten.

Vier Jahre später und angesichts der rasanten wissenschaftlichen Entwicklung ist genau das nötiger denn je. Denn das ART-Zeitalter, in dem Menschenwürde und Individualität antastbar geworden sind, hat – auch ohne einen bereits lebenden Klon – längst begonnen.

Lübeck, im Juli 2003

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