Die Klon-Debatte Was kann die Wissenschaft?
von Charlotte Kerner

Einen Menschen künstlich herzustellen, den normalen Zeugungsakt und den Zufall zu ersetzen, ist einer der ältesten Menschheitsträume. Die moderne »Reproduktionsmedizin« könnte in Zusammenarbeit mit der Gentechnik diesen Traum erstmals verwirklichen und steht doch noch ganz am Anfang. Die alten Alchimisten träumten von einem »Homunculus«, heute gibt es Retortenbabys, und Menschenklone sind keine Hexerei mehr, sondern im Prinzip machbar.


Retortenbabys und zeitgleiche Klone

Im Jahre 1978 gelang es zum ersten Mal, außerhalb eines Frauenkörpers in einer Glasschale (in vitro) mit menschlichen Ei- und Samenzellen einen Embryo zu zeugen. Dieser wird im Vierzellstadium in die Gebärmutter einer Frau zurückgespült, wo eine normale Schwangerschaft beginnen kann. Das Ergebnis einer solchen gelungenen »Fertilisation« heißt wissenschaftlich korrekt IVF-Kind, sein populärer Name »Retortenbaby«. Diese extrakorporale Zeugung (IVF) kommt heute bei weiblicher und männlicher Unfruchtbarkeit zum Einsatz, hundertausende gesunde Kinder verdanken dieser Methode inzwischen ihr Leben.

Bei einem »Retortenbaby« greift niemand in die Erbanlagen von Vater und Mutter ein. Wie bei jeder natürlichen Zeugung entscheidet der Zufall, wie sich die mütterliche und väterliche Erbanlagen mischen, wer und wie ihr Kind sein wird.

In der Tierzucht ist es seit den siebziger Jahren üblich, wertvolle Embryonen, die man aus dem Uterus eines Muttertiers herausgespült hat, im Vier- und Achtzellstadium auseinanderzupflücken. Jede Zelle ist noch »allmächtig« (totipotent), d.h. sie teilt sich weiter und entwickelt sich zu einem gesunden Tier. Dieses »Embryo-Splitting« schafft künstlich Mehrlinge (Zwillinge, Vierlinge oder Achtlinge), also Lebewesen mit einer identischen Erbinfomation, auch »zeitgleiche Klone« genannt.

Im Oktober 1993 bewiesen zwei amerikanische Forscher, dass sich auch in der Schale erzeugte Menschenembryonen mit mikrochirurgischen Methoden teilen lassen und dabei entwicklungsfähig bleiben. Lebende Menschenklone wurden auf diese Weise noch nicht erzeugt.

Auf dieser Welt leben jedoch bereits »zeitversetzte Zwillinge« mit identischen Genen, wenn auch nicht bewusst geplant: Als sich in vitro gezeugte Embryonen spontan teilten, froren die Mediziner in mehreren Fällen einige dieser zufällig entstandenen »eineiigen Zwillinge« ein. Erst zwei bis drei Jahre später erblickten die frosties das Licht der Welt und gesellten sich zu ihren Zwillingsschwestern oder -brüdern.

In der Schale gewonnene Embryozellen ließen sich auch über mehrere Jahre kryokonservieren: Rohstoffe für Klone, die z.B. als zukünftige Gewebe- und Organspender für das Ursprungskind dienen könnten. Oder sie wären eine auf Eis gelegte »Absicherung« für den Fall, dass ein besonders gelungenes, in der Retorte gezeugtes Kind stürbe. Dann läge sein Klon-Zwilling als Ersatz bereit. Doch solche Überlegungen – Stoff zahlreicher Sciencefiction-Romane – sind inzwischen durch das therapeutische Klonen fast überholt.


Reproduktives Klonen: Dolly und die zeitversetzten Klone

Seit den fünfziger Jahren klonen Genetiker Lebewesen, erzeugen sie Kopien von Pflanzen oder Tieren, Zellen oder Mikroorganismen. Doch ein ausgewachsenes Säugetier noch einmal zu erschaffen, gelang erst im Jahr 1996. Damals verpflanzten schottische Forscher die Erbinformation aus der Euterzelle eines sechs Jahre alten Schafes in eine »leere«, d.h. entkernte Eizelle. Nach 277 Versuchen konnten sie durch Elektroschocks eine normale Entwicklung »zünden«: Die Erbinformation wurde »reprogrammiert«, die bestückte Eizelle begann sich zu teilen. Der in den Uterus eines Leihmutter-Schafes eingepflanzte Embryo entwickelte sich normal und das Klon-Schaf Dolly wurde im Juni 1996 geboren, doch erst Anfang 1997 der Weltöffentlichkeit präsentiert. Es war die exakte Kopie der ausgewachsenen Zellspenderin, auch »Adultklon« genannt.

Dolly machte den Begriff »reproduktives Klonen« weltweit populär: Er bezeichnet das Klonen zu Fortpflanzungszwecken, das genetisch identische Nachkommen hervorbringt, wobei zwischen dem Geber des Erbgutes und seinem Zwilling Generationen liegen können.

Das Dolly-Experiment wurde nicht nur vielfach wiederholt, sondern inzwischen verbessert: Im Sommer 1998 präsentierten Forscher aus Honolulu ihre Mäuseklone, bei denen schon jeder 50. Anlauf erfolgreich gewesen war. Die Erbinformation hatten sie den Cumulus-Zellen, die im weiblichen Eierstock die Eier umgeben, entnommen und die Zellteilung chemisch angeregt.

Was bei einem Säugetier machbar ist, lässt sich im Prinzip auf den Menschen übertragen. Das bewiesen koreanische Forscher schon im Dezember 1998: Sie klonten eine 30-jährige Frau mit der Dolly-Technik und vernichteten ihren Klon im 32-Zell-Stadium. Die Zahl der Versuche verschwiegen die Wissenschaftler.

Sieben Klone bei 100 Versuchen - diese Rate nennt die Forschergruppe um den Mediziner Antinori, der seit 2002 mehrmals die Geburt des ersten geklonten Kindes ankündigt hat, aber bislang immer falschen Alarm auslöste. Auch bei dem angeblich Ende 2002 geborenen Klonmädchen Eve lag der einfache Beweis, eine DNA-Analyse, nicht vor.

Die medizinischen Probleme beim Menschenklonen scheinen größer und schwieriger beherrschbar als im Tierreich. Dort führt inzwischen etwa jeder 100. Klonversuch nach der Dolly-Methode zur Geburt eines Jungtieres. Jedoch soll die Hälfte dieser Klone Missbildungen am Herzen, den Nieren oder der Lunge haben. Manche Kopien scheinen auch schneller zu altern oder zeigen veränderte Alterserscheinungen. Bestimmte Zellstrukturen (Telomere), die sich im Laufe eines Lebens verkürzen, wurden genauso in frisch geborenen Klonen gefunden. Ist die Kopie biologisch also doch genauso alt wie das Tier, aus dessen Zellen seine Erbinformation stammt?

Diese Spekulation bekam neue Nahrung, als Dolly im Februar 2003 wegen einer nicht mehr beherrschbaren Lungenentzündung eingeschläfert wurde. Das wohl berühmteste Schaf der Welt wurde nur sechs Jahre alt, die Hälfte des für ihre Artgenossen üblichen mittleren Alters von zwölf Jahren. Aber das könnte genau wie Dollys Arthrose ein unglücklicher Zufall, eine Vererbung sein. Schließlich leben immer mehr Tierklone, vom Maultier bis zum Affen, und auch Klone von Klonen erwiesen sich durchaus als gesund und wurden normal alt.

Mediziner, die ans Menschenklonen denken, versichern, dass sie den Embryo nicht nur in der Glasschale auf genetische Abnormalitäten testen, sondern den Klon in der frühen Entwicklungsphase im Mutterleib auch streng überwachen würden. Beim leisesten Verdacht auf Fehlbildungen bliebe immer noch die Abtreibung. Wer sich hier empört, muss sich erinnern: Auch die Geburt des ersten IVF-Kindes gelang erst nach dutzenden von Versuchen und auch diese Methode war anfangs mit ähnlichen Ängsten belastet: »Sind die Kinder normal und gesund? Entstehen hier Monster aus der Retorte?« Heute gilt die Retortenzeugung fast schon als Routineeingriff.

Der »Fall Dolly« war, als das Deutsche Embryonenschutzgesetz Anfang 1991 verabschiedet wurde, noch nicht vorauszusehen. Ein ausdrückliches Verbot dieses »reproduktiven Klonens« ist national noch geplant, ähnlich wie in der neuen Grundrechte-Charta der Europäischen Union: In Kapitel I, Würde des Menschen, sichert dort der Artikel 3 das Recht auf Unversehrtheit. In Absatz 2 heißt es :

»Im Rahmen der Medizin und der Biologie muss insbesondere Folgendes beachtet werden:
* das Verbot, den menschlichen Körper und Teile davon als solche zur Erzielung von Gewinnen zu nutzen,
* das Verbot des reproduktiven Klonens von Menschen.«


Therapeutisches Klonen: leibliche Organspender

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben die Wissenschaftler das »therapeutische Klonen« entwickelt, das - wie sein Name sagt - Krankheiten heilen oder lindern soll. Dafür stellen die Forscher nach der Dolly-Methode Embryonen her und entnehmen der zwischen dem 4. und 7. Tag entstehenden Blastozyste »embryonale Stammzellen«. Diese Zellen sind Alleskönner (pluripotent), aus ihnen entwickeln sich noch sämtliche Zellen und Gewebe eines Organismus. In bestimmten Nährlösungen konnten Wissenschaftler bereits gezielt Haut- und Herzmuskelzellen wachsen lassen, an der Produktion von Nervenzellen und insulinproduzierenden Zellen wird gearbeitet. Auf diese Weise gewonnenes gesundes Gewebe könnte das kranke ersetzen, also zur »Therapie« werden. Die Erwartungen sind hoch, ein wirkliche Heilung ist bislang jedoch noch nie gelungen.

Für den Erbgutgeber hätten die gezüchteten gengleichen Produkte einen großen Vorteil: Sie würden nicht wie fremdes Material, z.B. ein Spenderherz, abgestoßen, sondern als körpergleich erkannt. Genau deshalb hoffen Forscher, in Zukunft auch vollständige Organe, etwa Herzen oder Nieren, züchten zu können. Derjenige, der sich klonen lässt, würde damit zu seinem eigenen leiblichen Organspender.

Doch dürfen menschliche Embryonen allein als Stammzellenlieferant erzeugt und verbraucht werden? Das deutsche Embryonenschutzgesetz verbietet auch diese »verbrauchende Embryonenforschung« und damit das Klonen für therapeutische Zwecke. Im Ausland, z.B. in England, ist beides erlaubt, ebenso in Israel. Von dort importieren deutsche Wissenschaftler inzwischen nach langen politischen Debatten »embryonale Stammzellen für Forschungszwecke«, jedoch unter den strengen Auflagen des 2002 verabschiedeten »Stammzellgesetzes«.

Jegliche Forschung zum therapeutischen Klonen kommt automatisch dem reproduktiven Klonen zugute, denn bis zur Erzeugung des Embryos sind die Verfahren identisch. Hier eine klare Trennungslinie via Gesetz zu ziehen, ist zumindest sehr schwer. Insofern ebnet das therapeutische Klonen ohne Zweifel den Weg für das Fortpflanzungsklonen, weil wissenschaftliche Fortschritte immer beide Erfolgsraten steigern.

Rar sind die für das therapeutische Klonen benötigten menschlichen Eizellen. Deshalb wurden im Herbst 2000 zum ersten Mal entkernte Eizellen von Schweinen verwendet und erfolgreich mit dem menschlichen Genmaterial bestückt. Auf diese Mischembryonen, diese Chimären oder Mischwesen aus Mensch und Schwein, meldeten zwei Firmen ein internationales Patent an, doch nach öffentlichen Protesten zogen sie ihren Antrag zurück. »Zum ersten Mal gestehen Firmen ein, dass ihre Ansprüche zu weit gehen und gegen ethische Vorstellungen verstoßen«, kommentierte der Gentechnik-Experte von Greenpeace diesen Fall.

Der Forschungsengpass »menschliche Keimzellen« könnte bald der Vergangenheit angehören. Denn im Frühjahr 2003 gelang Forschern in den USA ein sensationelles Experiment: Sie züchteten Eizellen aus embryonalen Stammzellen und beobachteten quasi einen »Eisprung« in der Retorte. Und in japanischen Labors entwickelten sich fast zeitgleich aus dem demselben embryonalen Rohstoff Vorstufen von Spermien. Damit stürzen die letzten Barrieren der Reproduktionsbiologie: Forschung fast grenzenlos.


Zukunfts(alb)träume: Designerkinder, PID & Co

Eine gezielte Auswahl von Kindern mit bestimmten Eigenschaften ist zur Zeit nur in der Retorte möglich, und zwar mit Hilfe von PID. Das Kürzel steht für den Fachbegriff »Präimplantationsdiagnostik«. Den durch IVF entstandenen Embryonen werden zwei Zellen entnommen und auf ein bestimmtes genetischen Muster hin untersucht. Eltern wollen z.B. wissen, welches potentielle Kind Träger einer schweren Erbkrankheit ist, um kranke Embryonen absterben zu lassen und nur gesunde zu »implantieren«.

Inzwischen haben Väter und Mütter im Ausland durch vorgeburtliche Gen-Checks sicherstellen lassen, dass das Geschlecht des zukünftigen Familienzuwachses die »Familienbalance« nicht stört oder der Nachwuchs als Knochenmarkspender für sein lebendes krankes Geschwister taugt. Im letzten Fall haben die Mediziner gegen den Begriff »Designerbaby« protestiert: Sie hätten doch nur die Wahrscheinlichkeit, passendes Gewebe zu erhalten, von 25 auf 98 % gesteigert.

PID ist in Deutschland verboten, ein sehr strenge Indikationsliste für schwere Erbkrankheiten jedoch im Gespräch. Befürworter verweisen auf das Leid, das diese Methode verhindern könne. Kritiker dagegen warnen vor einer neuen »liberalen Eugenik«, die anmaßend über lebenswert oder lebensunwert urteile.

Während PID »nur« Auslese ist, gäbe das Klonen den Eltern noch mehr Macht. Sie könnten zum ersten Mal entscheiden, welche Gene ihre Tochter oder ihr Sohn erben soll. Der Klon wäre damit das erste wirklich echte Designerbaby.

Das im Roman erwähnte sichere »Fisher’sche Klonverfahren« existiert noch nicht. Aber eine sehr wichtige Voraussetzung dafür wurde Anfang 2000 durch das Human Genom Project (HUGO) erfüllt: Die vollständige Kartierung des menschlichen Erbguts ist gelungen! Eine internationale wissenschaftliche Großtat, die als Beginn einer »zweiten Schöpfung« gefeiert und gefürchtet wird.

Um jedoch wie im Buch einen »zentralen Entwicklungsschalter« (für das reproduktive Klonen) oder einen speziellen »Schalter« für die gezielte Zucht ganzer Organe (therapeutisches Klonen) zu orten, müssten darüber hinaus die genauen Aufgaben der einzelnen Gene und ihres Zusammenwirkens vollständig entschlüsselt sein. Hier steht die Wissenschaft noch ganz am Anfang. Aber erst, wenn diese zweite Voraussetzung erfüllt wäre, ließen sich auch krankmachende Gene eines Tages auswechseln oder »gute« Gene einschleusen, die z.B. mehr Intelligenz oder körperliche Schönheit hervorbringen würden. Dann könnten die Kloner sogar noch ihr Ebenbild verbessern.

Wer weiß, vielleicht stellen sich Eltern in Zukunft tatsächlich einmal die vollständige Erbinformation ihres Wunschkindes nach einer Wunschliste zusammen. Manche Wissenschaftler warnen bereits vor einem Weg in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, in der Gen-Reiche und Gen-Arme leben werden.

© Verlagsgruppe Beltz 2003 - D-69469 Weinheim - Werderstr. 10
Tel.: 06201 6007-0 - Fax: 06201 6007-310
Nachdruck und Weiterverbreitung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung.
Zu Favoriten hinzufügen | Impressum